|
Das Schicksal von Bürgers Werk kann wohl am besten mit einem Zitat von Huyssen (2001) beschrieben werden:
“[S.187] Den Göttingern freundschaftlich verbunden war Gottfried August Bürger, Amtmann im nahegelegenen
Gelliehausen. Die Begabung dieses seit Schillers historisch ungerechter und menschlich rücksichtsloser Attacke von 1791 so oft geschmähten und verkannten Dichters und seine künstlerischen Wirkungsabsichten lassen
ihn aber eher dem Straßburger Kreis um Herder und Goethe wahlverwandt erscheinen. Wie sonst im Sturm und Drang nur noch Lenz wurde Bürger das Opfer einer Literaturbetrachtung, die ihre Vorurteile gegenüber dem
radikalen Demokraten hinter moralischer Mißbilligung seines Lebenswandels und Kritik an seiner angeblich schlampigen Amtsführung versteckte. Die Vorwürfe des Disziplinmangels, des groben Naturalismus, der
ausufernden Sinnlichkeit, die sich ebenso gegen die Dichtungen wie gegen den Menschen Bürger richteten, führten dazu, daß schließlich nur noch die Lenore als bedeutende poetische Leistung Bürgers anerkannt wurde.
Paradoxerweise ließ gerade die in der Tat einmalige Perfektion der Lenore Bürgers übrige Balladen und Romanzen, seine Lieder und Sonette in Vergessenheit geraten. Erst seit Lore Kaim-Kloocks verdienstvoller
Monographie hat sich eine adäquate Erkenntnis von Bürgers Bedeutung als Sturm-und-Drang-Lyriker durchgesetzt.”
Zur Schillerschen Kritik gibt es in der ONLINE-BIBLIOTHEK viele Arbeiten, auch bei den Meinungen sind interessante Aspekte zu lesen. Horn (1812) macht es sich sicher zu leicht, wenn er schreibt: “In der That enthält sie nicht viel mehr als einige abgerissene Gedanken über Objektivität und Idealität der Poesie, mit denen Bürger geschlagen werden sollte.” Abendroth (1939) sieht das schon treffender: “Darin aber, daß Schiller das “Idealisieren” und Abstrahieren als conditio sine qua non des beglaubigten Dichtertums ansah, darin widersprachen ihm schon manche sehr beachtenswerte Geister seiner eigenen Zeit mit Wort und Tat.”
Pietsch (1898) zitiert Schillers Meinung zur Anonymität seiner Kritik : “Wo mit Vernunftgründen und aus lauterem
Interesse an der Wahrheit gestritten wird, streitet man niemals im Dunkeln. Das Dunkel tritt nur ein, wenn die Personen die Sache verdrängen.” Das lautere Interesse an der Wahrheit kann sehr wohl bezweifelt werden, denn die Kritik Schillers gilt ziemlich sicher auch seinem eigenen Jugendwerk. Dieser und andere Aspekte der Schillerkritik werden besonders von Schlenther (1894) nachvollziehbar behandelt. Die Vernunftgründe sind ebenfalls zweifelhaft. Wenn es sich bei Schillers Rezension um die Kritik eines mathematischen Werkes handeln würde, hätte er unzweifelhaft recht. Da alle Fachleute mit gleichen anerkannten Begriffen arbeiten, kann eine Kritik anonym sein. Das ist hier nicht der Fall (mit welchen begrifflichen “Tricks” arbeitet, wird in der Arbeit von Bernauer (1995) herausgerbeitet). Schon den Begriff der Individualität deutet Schiller in seinem ganz persönlichen Sinn. Gerade Inidividualität wird man Bürger zuerkennen müssen - nicht so Schiller. Für diesen ist selbst Individualität eine abstrakte, und von ihm selbst definierte Größe. Letztendlich haben in dieser Sache tatsächlich “Personen die Sache verdrängt” - dadurch, dass im deutschen Bildungssystem der Klassiker Schiller normsetzend wurde. Das verwundert wenig. Schiller hat in seiner Antrittsrede an der Universität Jena (Im Der Teutsche Merkur November 1789 veröffentlicht, in die “Kleinere prosaische Schriften 1792 aufgenommen) folgende Meinung vertreten: “[S. 73] Ein großer Schritt zur Veredlung ist geschehen, daß die
Gesetze tugendhaft sind, wenn auch gleich noch nicht die Menschen.” Ohne zu sehr in Polemik abzugleiten kann man darauf hinweisen, dass eine ähnliche Ideologie 40 Jahre auf deutschem Boden geherrscht hat, hier sollten ebenfalls die Menschen so erzogen werden, dass sie ins System passten statt das System den Menschen anzupassen. Wie die Realität zu Schillers und Bürgers Zeit tatsächlich war, kann man beispielsweise der “Churhannöversche Verordnung gegen die Ausbreitung und Vertreibung
anstößiger Zeitungen, periodischer Schriften und fliegender Blätter” veröffentlicht in den Politischen Annalen 1793, Erster Band, S. 89-91 (in der
ONLINE-BIBLIOTHEK) entnehmen. Schiller und Bürger hatten gegensätzliche Ziele: Schiller wollte die Menschen offensichtlich an die herrschenden Gesetze anpassen, Man interpretiert wohl Schiller nicht falsch,
wenn man seinen Satz “Hr. B. vermischt sich nicht selten, mit dem Volk, zu dem er sich nur herablassen sollte, und anstatt es scherzend und
spielend zu sich hinaufzuziehen, gefällt es ihm oft, sich ihm gleich zu machen.” so interpretiert, dass der Dichter sein Publikum erziehen solle (= spielend zu sich hinaufziehen). Bürger dagegen wollte die Verhältnisse verändern, weshalb er die französische Revolution begrüßte, siehe auch Strodtmann: “Bürgers politische Ansichten” (1875). Das erklärt sicher ausreichend die hervorragende Stellung Schillers in der deutschen Bildung. W. Muschg äußert sich sehr drastisch über den Hintergrund von Schillers Bürger-Rezension: “In der Kunst bedeutet dieses Vollkommenheitsbewußtsein unfruchtbare Erstarrung, aucb wenn es nicht in pharisäischen Dünkel ausartet. Jeder seherische Dichter, der
sich auf eine Offenbarung beruft, läuft Gefahr, auf die Dauer so zu versteinern. Deutschland, das Land des Theologenhochmuts und des Kirchenstreits, hat diesen Typus auch in der Literatur besonders erfolgreich am
Werk gesehen. Alle Macht ist böse und entsteht durch Schuld. Auch die Machtstellung, die Goethe und Schiller für sich eroberten, machte davon keine Ausnahme. Nachdem sie sich einmal verstanden, erwies sich der
priesterliche Schiller als der geniale Hüter und Mehrer ihres Reiches. Er hatte den strategischen Blick und die unermüdliche Freude am Kampf. Schon auf dem Weg zu Goethe war er vor keiner geistigen Gewalttat
zurückgeschreckt. Eine der schlimmsten war die Rezension, mit der er Bürger, den Dichter der «Lenore», als ein Goethe wohlgefälliges Opfer abschlachtete. Es war die eigene revolutionäre Vergangenheit, von der er
sich mit diesem Meisterwerk an Scharfsinn und Bosheit lossagte, aber Bürger blieb dabei mit seiner Person und seinem Ruhm auf der Strecke. So gewaltsam ging es in Schillers ganzem Leben zu.
Auf zwei Arbeiten soll ganz besonders hingewiesen werden: - Koopmanns Arbeit (1976) über Schiller als Kritiker und - Bernauers Arbeit (1995) über Die Idealisierkunst-Poetik der Bürger-Rezension von 1790/1791.
Koopmann setzt sich grundsätzlich mit der Literaturkritik im 18. Jahrhundert auseinander - oft diente sie nur dazu, den Kritisierten zu vernichten.
Bernauer analysiert die Schiller-Kritik sehr tiefgründig und geht dabei von der Kunstauffassung Schillers aus.
Neben der Bürger-Schiller-Problematik gibt es jedoch noch zwei sehr aktuelle Aspekte, die geradezu zu einer Beschäftigung mit Bürger herausfordern. Das ist einmal die
sehr wenig ausgeprägte Verwendung von Quellen in der neueren Bürger-Forschung. H. Scherer führt in seiner Arbeit “Die soziale Herkunft des Dichters Gottfried August Bürger” von 1995 viele Beispiele dafür an. Er kommt zu dem
Schluß, daß neben einer Neubewertung der sozialen Herkunft auch das aktuelle Bürgerbild — von seiner ,unzulänglichen Bildung‘, — vom ,negativen‘ Einfluß des Mentors Christian Adolph Klotz,
— von seiner Beziehung zum Göttinger Hain, — vom Doppelverhältnis zur Ehefrau und deren Schwester, — von seiner dritten Ehe mit Elise Hahn,
— vom ‚verarmten Poeten‘ und seinem ‚Hungerdasein‘, — vom ‚freundschaftlichen Verhältnis‘ zum Verleger Dieterich — und von seiner Lehrtätigkeit an der Göttinger Universität. einer Überarbeitung bedürfte.
Noch gravierender in seiner Auswirkung auf die Bürgerrezeption ist jedoch ein im Reclam Verlag 1997 erschienener Gedichtband Bürgers des Herausgebers Gunter E. Grimm. H.
Scherer hat in seiner Rezension im Lichtenbergjahrbuch 1997 dazu eine erschreckend hohe Anzahl von Fehlern nachgewiesen. Das von Grimm vermittelte Bürger-Bild beruht in weiten Strecken auf der unkritischen Übernahme fragwürdiger Meinungen und nicht nachvollziehbaren Behauptungen.
|