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Wir sind hier: Bürger-Rezeption 1816-1825

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1816

Krämer, August. Joseph Franz Freyherr von Goez. Ein biographisches Fragment. Digitalisiert von Google.

“[S. 11] So kam er [von Goez] im Jahre 1779 nach München, wo er einige Zeit mit Benutzung der Gallerie verweilen wollte. Hier machte er die Bekanntschaft des verdienstvollen Gallerie-Directors zu Düsseldorf, Hofkammerraths Krahe, der ihn bey einer zu errichtenden Kunst-Akademie vorteilhaft anstellen wollte, das sich aber Goez verbat. Auch fing er zu München den Versuch einer zahlreichen Folge leidenschaftlicher Entwürfe für Kunst und Schauspiel-Freunde nach der Ballade: Lenardo und Blandine an, die nachher seinen Namen als vortrefflichen Charakterzeichner in ganz Deutschland bekannt machten, und worüber ihm Meusel und Nicolai ein so grosses Lob ertheilen. Die Veranlassung zu diesen Charakter-Darstellungen war folgende: Freyherr von Goez machte aus dieser Bürger´schen Ballade ein Melodram, welches komponirt und auf dem Theater zu München aufgeführt wurde. Der Künstler betrachtete nachher diesen Gegenstand in Hinsicht auf den Ausdruck leidenschaftlicher Bewegungen, und entwarf über dieses Melodram 160 Zeichnungen von dem Ausdruck und der Stellung, wie er solche sich nach der Fortschreitung der Leidenschaft bei jeder merkwürdigen Stelle dachte. Er radirte selbst diese 160 Blätter, begleitete sie mit einer lehrreichen Erklärung jeder Vorstellung, und gab sie im Jahre 1784 heraus. Diese Blätter sind nicht so bekannt geworden, als sie es verdient hätten. Sie können zu sehr interessanten Untersuchungen über Mimik Gelegenheit geben. Die Blätter des Freyherrn von Goez sind voll Geist, und zeigen, so wie die beygefügte Erklärung, dass er über den Ausdruck der Leidenschaft viel nachgedacht hat.”

 

1816

Anonym. [Rez.] Cornelia. Taschenbuch für deutsche Frauen auf das Jahr 1817. In: Zeitung für die elegante Welt. Leipzig.  Digitalisiert von Google

“[Sp. 1333]
 G. A. Bürger, drei Epigramme, und darunter
          Friedrich.
  Mein Friedrich braucht bei seinem ganzen
  Regierungswesen lauter Franzen.
  Nur Ein Geschäft ist noch, das er durch Deutsche thut:
  Im Siegen braucht er deutschen Heldenmuth.“

 

1816

Anonym. Russische Journalistik. Aus St. Petersburg. In: Ernst und Scherz oder der alte Freimüthige, 12. Oktober. Berlin. Digitalisiert von Google

“[S. 188] Dabei sind diese Bemerkungen sehr kurz, und man sieht ihrem Verfasser das Jagen nach Witz, gleich den französischen Journalisten, an. Leider sollen diese Bemerkungen vom Herausgeber selbst seyn, der nie die Gelegenheit vorbeigehen läßt, seinen Hn. Collegen Seitenhiebe zu versetzen, und da er es versteht die Lacher auf seine Seite zu ziehen, meistens die Oberhand zu behaupten scheint. Fast alle Streitigkeiten, die er bestanden hat, sind von ihm selbst herbeigeführt. In einem der letzten Hefte befindet sich eine heftige, niederschmetternde Kritik einer neuen Uebersetzung von Bürgers Lenore, die doch er selbst in sein Journal aufgenommen hatte. Wir sehen nach diesem Anfalle einem heftigen Kriege entgegen, da der Übersetzer selbst ein Mann von Talenten ist, und wahrscheinlich diese Journalisten-Höflichkeit nicht unbeantwortet lassen wird.“

 

1816

Gubitz, Friedrich Wilhelm. Die Prinzessin. Lustspiel in fünf Akten. Berlin. Digitalisiert von Google

“[S. 139] Typus. Weib, deine Schleichersche Klatschsucht, die Dich gleich wieder mit dem ganzen Dorfe verschwisterte, hat einmal einen herrlichen Streich gemacht, daß sie mir den Pachter Ritter zuführte. Da trink! Aechter Wein ist ächtes Oel zur Verstandeslampe! sagt Bürger; trink, vielleicht kriegst du Verstand! (gibt ihr Flasche und Glas.) Ist denn aber äußer dem Militair kein menschliches Wesen in der Nähe, mit dem ich meinen Uebermuth theilen kann? “

 

1816

Weisser. Anpreisung der Bücher-Vielheit. In: Morgenblatt für gebildete Stände. 9. Mai. Digitalisiert von Google

“[S. 446] Bey Wieland, der die Väter entzückte, können die klügern Söhne nur gähnen. Was ist der Welt gleichgültiger, als Engels Philosoph für sie. Das Volk, für welches weiland Bürger seinen Volksgesang erschallen ließ, liegt mit ihm unter der Erde. Miller und Hölty sind Poeten - gewesen, und wenn ihr irgend noch ein Lied von ihnen am Klavier ertönen hört: so kommt es sicher aus der Kehle einer in Ruhestand versetzten Kammerjungfer. “

 

1816

Anonym. Carl Ludwig von Woltmann. In: Zeitgenossen, Ersten Bandes Zweite Abtheilung. Leipzig und Altenburg. Digitalisiert von Google

“[S. 148] Mit unbeschreiblicher Wehmuth trennte er sich von Bürger, der ihm von seinem Sterbelager die dürre Hand mit dem heftigsten Druck und den Worten reichte: ´gehe Ihnen es besser unter den gelehrten Zünftlern, wie es mir gegangen!´ Seine Stimme war schon lange wie aus dem Grabe; sonst voll von Metallklang, und zur lyrischen Deklamation seinem reifen Studium über den Versbau gewachsen und gehorsam, war sie von der Zeit an durch Heiserkeit gelähmt, als er mit Sicherheit entdeckte, wie wenig seine letzte Frau seines ursprünglichen Naturadels und seines Ruhmes werth sey. Als er diese Entdeckung schon voraussah, mehr als vermuthete und seine bürgerliche Ehre ganz zerrüttet glaubte, grämte ihn bei erschöpfter Gesundheit über alle Maaßen auch sein Wahn, daß seine dichterische, durch die bekannte Kritik Schillers ebenfalls zerrüttet sey. Seit jenem Zeitpunct war die Hoffnung des Lebens von ihm geschwunden, die er noch als ein Erbtheil von Molly hatte, jener nach dem Urtheil edler und feiner Männer so wahrhaftig edlen, als anmuthigen Frau.“

 

1816

Kotzebue, August von. Der neue Machiavell. In: Politische Flugblätter. Zweiter Band. Königsberg. Digitalisiert von Google

“[S. 221] Wie, wenn nun der Krieg nach Buonaparte's Wunsche mit Rußlands Untergang geendigt hätte, wäre Buonaparte berechtigt gewesen, zum Könige von Preussen zu sprechen: ´unser Tractat war nur ein Interims-Vertrag? war nur für den besondern Zweck der Theilnahme an dem Kriege mit Rußland abgeschlossen? jetzt will ich ein permanentes Arrangement treffen, dem jener Vertrag nicht zum Hinderniß gereichen kann?´- O ja, ich glaube wohl, daß Buonaparte so gesprochen haben würde, aber Herr Professor Voß sollte nicht so sprechen. Die Politik der Großen ist ohnehin stets geneigt, die Moral zu verhöhnen, wenn nun vollends politische Schriftsteller in dasselbe Horn blasen, so verschwindet auch noch jede Scheu vor der öffentlichen Stimme. Fürwahr, ein politischer Schriftsteller, der nicht stets die Rechtlichkeit im Auge behält, kann mehr Schaden anrichten, als ein Lazarethfieber. In dieserHinsicht ist mir die einzige Zeile aus Bürgers Gedichten; ein Fürstenwort soll man nicht drehn noch deuteln, lieber als ein ganzer Band der Zeiten von Voß. “

 

1816

Hanisch. Der Liebesritter. In: Mannichfaltigkeiten aus dem Gebiete der Literatur, Kunst und Natur. 3. April. Stuttgart. Digitalisiert von Google

“[S. 47] Sein lederner Schimmel wurde vorgeführt, wie ein Held schwang er sich in den alten Sattel, daß beide, Roß und Sattel knackten -
     Und hurra! hurra! Hop, hop, hop!
     Giengs fort in saußendem - Gallop?
[...] Ihr Götter! rief er endlich - ich muß sie besitzen, oder sterben! Er mas, wie schon gemeldet, mit großen Schritten die Schreibstube, und d achte. - Gefunden! schrie er endlich, indem er einen ungeheuern Bockssprung machte, daß der Staub von den Akten flog und ein gipserner Mops auf dem Ofen verwundernd mit dem beweglichen Kopf wackelte. - Der Plan war fertig.
      Knapp! sattle mir mein Dänenroß,
      Daß ich mir Ruhe reite;
      Es wird mir hier zu eng im Schloß,
      Ich muß hinaus ins Weite. -
deklamirte er aus ziemlich unsicherm Gedächtniß mit fechtenden Händen, und schlug beinahe dem eintretenden Amtsdiener den Kaffee aus den Händen.“

 

1817

Meinert, Joseph George. Alte teutsche Volkslieder in der Mundart des Kuhländchens. Digitalisiert von Google.

“[S. 429] Lenore, worin die Idee der über das Grab fortdauernden Liebe schon travestirt erscheint. Das Widerliche davon fühlte Bürger, aber sein reichgeschmücktes Gedicht steigert die liebende Sehnsucht zum Verbrechen und erfüllt uns mit allen Schauern einer höllischen Hinrichtung, während das einfache, alte, ["Der todte Freier" in dieser Sammlung] versöhnend und verklärend schließt.”

 

1817

Anonym. Die Inseln Norderney und Helgoland. In: Zeitung für die elegante Welt. Leipzig.  Digitalisiert von Google

“[Sp. 261] Dem ungeachtet aber ist die Insel Helgoland doch noch immer durch ihre so ganz eigenthümliche Lokalität höchst interessant, und besonders von Hamburg aus, von wo einst auch unser unvergeßliche Bürger (wahrscheinlich der einzige deutsche Dichter, der je hieher gekommen ist), in Gesellschaft seines Verlegers, des Buchhändlers Dietrich, eine Reise dahin machte, in mehr als einer Hinsicht des Besucheswerth. “

 

1817

Anonym. Noch ein Wort über die Vorstellungen der Stände des Thüringischen Kreises, und der Stifter Naumburg und Zeitz, an den König von Preußen. In: Beilage zum Oppostions-Blatte, Weimar 20. Januar. Digitalisiert von Google

 “[Sp. 44] Ueberdem haben die Stände auf verbessernde Neuerungen kein jus quaesitum, wohl aber auf Erhaltung des Bestehenden, die ihnen, insoferne letzteres nicht durch Besseres ersetzt wird, mittelst eines K önigswortes zugesichert ist, das man, wie Bürger in den Weibern von Weinsberg sagt, nicht drehn noch deuteln soll.“

 

1818

Anonym. [Über Recensionen]. In: Zeitung für die elegante Welt. Leipzig. Digitalisiert von Google

“[Sp. 1749] Anonym. Eingemachte Lesefrüchte. Elfter Aufsatz. Recension. [...]
Unter allen Lesefrüchten hält sich keine Gattung schlechter, als die der Recensionen. Ist das Buch, welches sie loben oder tadeln, schlecht, so verderben sie mir dem Buche. Ist es gut, so verdirbt ihr Lob, weil das Buch sich besser selbst lobt, und ihr Tadel, weil es ihn Lügen straft. Man hat einige Beispiele vom Gegentheil. Ein Paar Recensionen Schillers (die der Gedichte von Bürger und Matthisson) haben sich gehalten, das will sagen, sie stehen noch auf der Tafel seiner sämmtlichen Werke. Aber wenig Gäste mögen davon essen. Das begegnet auch den frischen, wenn sie unreif oder unschmackhaft sind. Man sollte sie daher einmachen, theils um sie zu conserviren, theils um sie schmackhafter zu machen.

[Sp. 1890] Glosse.
Bürger nannte (in seinem Prolog zur Uebersetzung der fünften Rhapsodie von Homers Iliade, abgedruckt im deutschen Museum, Januar 1776.) die Kunstrichter ´glazige, triefäugige, buckliche, kurz gottesjämmerliche Thersiten.´ Später war Bürger Mitarbeiter an der allgemeinen deutschen Bibliothek und der allgemeinen Literaturzeitung. Göthe äußerte sich in einem kurzen Gedicht, der Recensent überschrieben, über die Kritiker mit einer kaum höher zu treibenden Bitterkeit, indem er unter andern am Schlusse ausruft:
  Schlagt ihn todt den Hund!
  Es ist ein Recensent.
Bekanntlich hat Göthe in der Folge mehrere Recensionen, namentlich zur Jenaischen allgemeinen Literaturzeitung geliefert. Kotzebue stellte in seinem bekannten Lustspiel, die Unglücklichen betitelt, in dem Recensente Geyer, genannt Falk, eine wahre Schreckgestalt auf. Er beschließt jetzt seine Laufbahn damit, ein Kritisches und recensirendes Journal herauszugeben. Man könnte noch viele Kontraste in Hinsicht auf dasselbe Thema anführen, aber schon die obigen reichen hin, um die Vermuthung zu begründen, daß das Geschäft des Recensirens einen ganz eignen Reiz haben müsse, da selbst diejenigen, welche am stärksten dawider eiferten, es nicht haben lassen können. Giulio. “

 

1818

Justi, Karl Wilhelm. Selbstbiographie. Digitalisiert von Google.

“[S. 7] Die vaterländischen Sänger, welche den ersten tiefsten Eindruck auf mich machten, waren Klopstock, Bürger und Hölty, und ich war nicht wenig überrascht, als Bürger eins meiner Lieder, welches ihm Engelschall, ohne mein Wissen, zugeschickt, in den Göttingischen Musenalmanach von 1782 aufzunehmen gewürdigt hatte. Für den vierzehnjährigen Jüngling eine nicht geringe Aufmunterung!

[S. 10] In Göttingen [1786] bewunderte ich den Reichthum der Universitäts-Bibliothek und machte die persönliche Bekanntschaft eines Heyne, Kästner, J.D. Michaelis, Gatterer, Spittler, Schlözer, Leß, J.P. Müller, Schleusner, Feder, G.A. Bürger, und anderer von mir verehrten Männer, die mich mit großer Humanität aufnahmen, und wovon mehrere bis an ihr Ende, wie Kästner, Heyne, und Bürger, mir hold geblieben sind.

[S. 15] Der Dichter Bürger unterhielt sich [1788] lange mit mir über die damals in Jena hochgefeierte kantische Philosophie.”

 

1818

Waldhauser, Michael. Auch ein Wort über den Priester-Mangel in Baiern. Paßau. Digitalisiert von Google

“[S. 20] Und was wäre auch im Grunde damit gewonnen, wenn man es vermöchte, junge Männer in einer solchen Eingeschränktheit zu erziehen, daß ihnen diese Ansichten von Lebensglück und Lebensfreuden bis nach ihrer Einweihung in den Priesterstand ganz unbekannt blieben? Würden diese Triebe, welche nach dem Ausspruche der Physiologen, schon an sich die heftigsten und gewaltigsten unter allen, immer nöch heftiger und gewaltiger sind, je später sie erwachen, nicht um so furchtbarer ausbrechen , wenn der Vogel sich schon im Käfige befände? Und würde er dann nicht, wie Bürgers Lenore, in wilder Verzweiflung ausrufen: ´o Mutter, Mutter, was mich brennt, das lindert mir kein Sakrament!´ “

 

1818

Anonym. Licht und Schatten. In: Die Leuchte. Ein Zeitblatt für Wissenschaft, Kunst und Leben. Berlin 24sten Januar. Digitalisiert von Google

“[S. 28] Hr. A. Müllner, der alte Ueberall und Nirgends, der nach Gespensterart überall, wo er erscheint, nicht einmal einen Eindruck, viel weniger eine Spur von Geist zurückläßt, hatte vor Kurzem zu gleicher Zeit in mehreren Zeitblättern einige Reime unter der Firma: Luther, eine Beschwörung, erscheinen lassen. Die Herausgeber jener Zeitblätter hätten dem Schuldigen wegen der begangenen Unart eben sowohl, als das Publikum, zürnen, und ihn strafen können; da man aber dem Hrn. A, Müllner alles zu gut halten muß, so lachte man nur über seine Eitelkeit. Dieser hat er nun ein neues Opfer im 30sten Stück des Morgenblattes von 1817 gebracht, wo er einen Brief Bürger's abdrucken läßt, aus dem hervorgeht, daß Bürger sein — Oheim war. ´Deine Eltern, schreibt der Onkel, haben mir wohl gesagt, daß Du Zunder zu manchen Ausschweifungen in Dir trügest. — Wenn auch, habe ich geantwortet, so trägt er dagegen einen Keim von Verstand und gesunder Vernunft in sich, der ihn nie zu tief sinken lassen, der ihn, wenn er ja einmal sänke, bald wieder empor bringen wird.´ Gott gebe, daß diese Worte des Oheims bald am Neffen in Erfüllung gingen; wir sprechen daher nochmals mit Bürger also zu ihm: ´Lieber Adolph, alles was uns als Menschen einen absoluten Werth giebt, das entspringt von dem Gotte in uns, von der heiligen Vernunft, und jede Tugend, die nicht von ihr abstammt, will Kant zwar nicht eben ein glänzendes Laster, aber doch eine glänzende Armseligkeit genannt wissen. Das ist ein theures wahres Wort. Aber ein eben so wahres Wort spricht der Oheim zum Neffen, als er dessen metrische Verdeutschung der Ode des Horaz an den Blandusischen Quell, mit einem langen Excursus voller Schülergelehrsamkeir, tadelt. ´Es ist, äußert er sich iiber jenes Machwerk, eine gewisse leere Redseligkeit, die ein Nichts in einen Wortschwall von ganzen Seiten kleidet, und Gelehrsamkeit zeiget, nur um sie zu zeigen, ohne daß es nöthig war. Die Spanier nennen das, wie Du wissen wirst, vanas palabrs, die Lateiner ampullas.´ In diesen Fehler, den Bürger schon vor 24 Jahren an dem Schuldigen rügte, verfällt er noch. Mochte er daher, die Manen seines Oheims sühnend, Besserung geloben, und das Publikum mit der Stelle ans dem Vater unser anflehen: ´Vergieb uns unsre Schuld!´ und freudig würde von allen Enden ihm ein lautes ´Amen´ ertönen. Dann aber müßte sich der Hr. Dr. Nürnberger, Postmeister zu Sorau, darüber verschämt in den tiefsten Winkel seines Hauses verkriechen, daß er Hrn. Müllner im Namen Luther's in Nr. 250 der Zeitung für die elegante Welt von 1817 mit den Worten anredet:
  ´Kühner Sänger, Deinen Adlerschwingen
   Wird der hohe Flug gelingen,
   Zu den Himmeln richte Deinen Blick!
   Mein Bestreben sah die Vorzeit enden,
   Gott und Dichterwort (!!!) wird euer Schicksal wenden,
   Muth'ger kehrt der Geist aus lichter Hoh´ zurück.´
 Wir wunderten uns bereits, daß Hr. Müllner im Oppositionsblatte Schillern und Göthen zur Seite gesetzt ward, jetzt aber gerathen wir in Erstaunen, wenn ein Postmeister und Doktor ihn im Namen Luther's sogar neben Luther stellt, den unsterblichen Reformator, der einst die vielbedeutenden Worte sprach: Der bleibt ein Narr sein Lebelang! —”

 

1818

Woltmann, Karl Ludwig. Gottfried August Bürger. In: Zeitgenossen. Biographien und Charakteristiken. Von Friedrich August Koethe Bd.2

“[S.114] Es war so durchaus gegründet, was er späterhin schrieb: “Liebe würde meiner mächtig seyn; so viel ich nur meiner selbst mächtig bin, und wohl noch mehr. Ich weiß nicht, ob es mir zum Lob, oder zum Tadel gereichen mag, daß ich mich bei einem geliebten Weibe kaum gegen Sclaverei aufrecht erhalten würde, besonders wenn sie die Kunst zu herrschen verstände.” Man würde seiner Molly Unrecht thun, wenn man ihr eine solche Kunst beilegen wollte. Aber sie herrschte unumschränkt über Bürger, ohn es zu beabsichtigen, einzig durch die gegenseitige Liebe. Sie war nach Aller Urtheil, welche sie kannten und urtheilen konnten, eine so in sich selbst begnügte und harmonische Natur, daß ihr nichts fehlte, als ein Mann, den sie lieben mochte; dabei waren ihre Gestalt und ihr Gesicht wenigstens so anmuthig, ihre Stimme hatte jenen Flötenton voller und weicher Empfindung, der für Bürgers eigne phantasievolle Weichheit und seinen ungemeinen Tact für Wohllaut über Alles bezaubernd war, in einem solchen Grade, daß selbst seine Einbildungskraft und Sinnlichkeit, die sich an ein Flattern früh ergeben hatten, und denen, nach seinem eignen Ausdruck, die Gefühle wie ein Dieb in der Nacht kamen, von den Reizen dieser Geliebten in Befriedigung und Treue für sein ganzes Leben festgehalten wären. Die eigene thätige Harmonie trug Molly auf ihre Umgebung, am nächsten und sichersten auf den geliebten Mann über. Zu Befolgung der kleinen Pflichten des geselligen Lebens, worin Bürger zu seinem großen Nachtheil sehr lässig war, zum Erwerb förderte sie ihn, und hielt das Erworbene zu Rathe.

[S. 116] Dagegen [das hohe Lied] ist seine Romanze von der Treue viel freier, als die beste seiner vorhergehenden, des Pfarrers Tochter von Taubenhain, ja ganz frei von den gerügten Schlacken seiner Manier, eine vollendete Romanzendarstellung, eigenthümlichst zusammengesetzt aus lyrischer, dramatischer und epischer Weise, wie die vollkommne größere Romanze seyn soll, und auch in Hinsicht der Composition überhaupt untadelhaft; denn der Stoff ging nicht über die Grenzen seines Talents hinaus, und das Geschichtliche leitete dasselbe zum Ziele, ohne seine Kraft über ihr Maaß in Anspruch zu nehmen.

[S. 122] Nicht allein das Unglück seiner Ehe war es, wodurch er in dieser Zeit niedergedrückt wurde: in die letzten Monate derselben war die bekannte Recension seiner Gedichte von Schiller gefallen, über welche er bald ergrimmt und trotzig herfuhr, bald sich so gebeugt äußerte, wie es keineswegs Noth war. Gewiß ohne den geringsten Trieb, gegen Bürger ungerecht zu seyn, hatte jener außerordentliche Geist, welcher nie einen gebahnten Weg einschlagen wollte, um nur einen neuen Standpunct aufzufinden, einen solchen gewählt, von welchem aus man den Werth des beliebten Volksdichters nicht ohne Härte und Unbilligkeit würdigen konnte. Die Theorie jener Kritik geht offenbar nur auf die Schlacken in Bürgers poetischem und sittlichem Gefühl, die auch hier nicht unbemerkt geblieben, und als ein Hinderniß seiner Vollendung im lyrischen Fach gerügt sind. Sie zum Gegenstand des Haupturtheils über den Dichter zu machen, war um so härter, weil sie mit der Persönlichkeit des noch Lebenden und in solchen Verhältnissen Wirkenden, Hoffenden, Eins waren, und gerade dasjenige mit ihnen hervorgehoben ward, was den Hoffnungen des Bekümmerten schon mehr als billig geschadet hatte. Die echte Kritik mußte sein ungemeines Verdienst in lyrischer und lyrisch-epischer Sprache und Darstellung zu seinem glänzenden Ruhm darstellen, und dann die ihm entstehende Vollendung des Geschmacks und der Sitten nur als eine Hemmung seines Genius bemerken. Schillern gereicht zur Entschuldigung, daß er damals seine Theorieen über Schönheit, Anmuth und Würde immer gegenwärtig hatte und weiter ausbildete; und wie leicht legt man eine Theorie, in der man eben befangen ist, allenthalben als Maaßstab der Kritik an.”

Woltmanns Biographie und Charakteristik in der ONLINE-Bibliothek.

 

1818

Millauer, PH. Letztes Wort an Herrn Fürst. In: Der Sammler, Wien 13. Jänner. Digitalisiert von Google

“[S. 24] Übrigens befinde ich mich über die Maßregeln, die gegen mich in der Folgezeit ergriffen werden sollen, in großer Unruhe, und versichere Hrn. Fürst, für den Fall, als von ihm irgend ein dramatisches Geistesproduct auf der Bühne erscheinen sollte, nie einen solchen unglücklichen Gebrauch meines Gedächtnisses zu machen, rufe aber zum gänzlichen Schlusse für alles, was noch in der Folge geredet werden mag, mit Bürger aus:
   Wer bist du Fürst, daß mich dein Roß
   Zerstampfen soll, dein Wagenrad usw. “

 

1818

Anonym. Frau Ursula von Homberg zu Auenstein im Kanton Aargau. In: Der aufrichtige und wohlerfahrne Schweizer-Bote. 28. Mai. Digitalisiert von Google

“[S. 170] Nun, Schweizerbote, zieh Land auf und Land ab, und frage: warum hat noch kein herzvoller Dichter, keine holde Dichterin im Schweizerlande das Lob der Frau von Rynach mit Harfenklang zum Ohr und Mund des Schweizervolks gebracht? Wie schön besang der deutsche Dichter Bürger den Ruhm der Weinsbergerinnen! Ich will auch sein schönes Lied hersetzen, dessen Inhalt so viel Verwandtschaft mit der Zerstörungsgeschichte von Auenstein hat.

     Die Weiber von Weinsberg.

       Wer sagt mir an, wo Weinsberg liegt?
       Soll sein ei wack´res Städtchen.
       [...] “

 

1818

Meyer, Friedrich. Reise nach Stuttgard. In: Bemerkungen auf einer Reise durch Thüringen, [...] im Jahre 1816. Erster Theil. Berlin und Stettin.  Digitalisiert von Google

“[S. 38] Ehe sich noch der Abend senkte, sahen wir die Burg Weibertreue bei Weinsberg. Sie steht als ein Denkmal des schönsten Triumphs der Weiber auf ihren stolzen Höhen, und wirkte um so mehr auf unser Gefühl, als wir uns hier die schöne Ballade von Bürger, die Weiber von Weinsberg vergegenwärtigten.“

 

1818

Cramer, Carl Gottlob. Der Minister und der Leib-Schneider. Zweiter Theil. Hamburg. Digitalisiert von Google

“ [S. 45] Ja wenn immer alles so wär, wie man sich´s denkt, oder wie es seyn sollte, o dann wär das Leben eine wahre Lust - ein wahres Spiel! wenigstens ein Schatten-Spiel, und das ein recht schönes, amüsantes Schatten-Spiel an der Wand! aber da nun das einmal nicht immer so, sondern fast gewöhnlich ganz anders ist - je nun, so muß man laviren, pliiren usw. kurz, sich darauf einzurichten suchen, so gut es gehn will; und wer das am besten kann, sey er König oder Bettler, Minister oder Schreiber - der ist Meister! ist Herr über viel und vieles; ja fast möcht´ ich sagen: Herr seines Schicksals! Auch möcht´ es wohl nicht eben gar so weit von der Wahrheit abwärts, das heißt, auf deutsch: gelogen seyn; und der selige Bürger hat sehr wahr gesungen:
  Der Mann, der das Wenn und das Aber erdacht,
  Hat sicher aus Heckerling Gold schon gemacht.“

 

1818

Hußell, Ludwig. Johann Chr. Fried. Kühnau. In: Ameise. Leipzig. Digitalisiert von Google

“[S. 81] Hier zunächst reden wir von dem kurmärkischen Landwehroffizier Kühnau, Lehrer am Friedrich Wilhelms Gymnasium zu Berlin, Doctor der Philosophie. Um dem Leser von den ausgezeichneten Kenntnissen dieses wakkeren Mannes einen Begriff zu machen, dürfen wir nur erzählen, daß er schon als Student zu Halle 1801, in seinem 19. Jahre, Bürgers Leonore in wohlklingende griechische Verse und späterhin Luthers Kraftlieder in das Hebräische übersetzte. Es ist nicht jedermanns Sache marktschreierisch in die Posaune zu stoßen, sonst hätte wohl der Jüngling Kühnau schon auch seinen Namen in vielen Zeitungen gedruckt sehen müssen und hätte immer auch in den Städten umher sich sehen lassen können [...]. “

 

1818

Horst, Georg Conrad. Von den zauberischen Luftfahrten. In: Dämonomagie. Zweiter Theil. Frankfurt am Main. Digitalisiert von Google

“ [S. 208] Die Abreise geschah gemeiniglich um eilf oder zwölf Uhr, die Heimkunft hatte um zwei Uhr nach Mitternacht statt, denn sowohl die Teufel und Hexen, als die Gespenster, wie wir aus Bürger´s Leonore wissen, fürchten ausnehmend den Hahnenschrei.“

 

1818

Pichler, Caroline. Leonore von Fahrnau an ihre Schwester. In: Frauenwürde. Erster Theil. Leipzig. Digitalisiert von Google

“[S. 200] O laß mich, liebe Schwester, an Dein liebendes Herz sinken und meinen Jammer ausschreyen, wie Bürger sagt! “

 

1819

Müllner, Adolf. Theaterkritiken von A. Müllner. In: Morgenblatt für gebildete Stände. Nro. 213, 6. Sept. 1819. Digitalisiert von Google

“[S. 852] Die Hexenscenen gab man nach Bürger, und zwar wurden sie gesungen, mit Musik im Orchester. Rühr-Ey! würde der Berliner Kurze sagen. Bürger wollte keinen Gesang, sondern recitativähnliche (also vollkommen verständliche) Deklamation. (S. Macbeth, Göttingen 1783. S. 8.) Wenn die Hexen einmal Opernmäßig singen; so möcht´ ich lieber, die ganze Handlung würde getanzt.“

 

1819

Krieger, Johann Friedrich. Die Roßtrappe. In: Die Bode-Thäler im Unterharz. Halberstadt. Digitalisiert von Google

“[S. 46] Doch ich kehre zur königlichen Hoheit, der rüstigen und verwegenen Gigantin vor vielen tausend Jahren, zurück. Schon war die väterliche Krone in ihrer unweiblichen Amazonenhand, der Blutbefleckung würdiger, als des Männerkusses, Schon ergötzte sich, die sanfte Regung, den Minnesold verachtend, ihr goldgieriges, herrschsüchtiges Gemüth an den Strahlen ihres Kleinods. Seines Besitzes sich zu versichern, entfloh sie mit ihr auf einer Rosinante, deren Umfang und Kraft ein Roß aus unserm Ackergespann oder vor unserm Cabriolett natürlich nur im verjüngten Maaßstabe zeichnet, und zwar, gleich Bürgers Lenore, dergestalt über Berg und Thal und Wald und Fluß,
   Daß Roß und Reut'rin schnoben,
   Und Kies und Funken stoben.
So gelangte sie, vom Vater verfolgt, mit ihrem Raube auf dem der Roßtrappe gegenüberliegenden Felsen, dem Tanzplatze, an.“

 

1819

Rauschnick, Gottfried Peter. Der Schutzgeist. In: Königskerzen. Eine Sammlung romantischer und abentheuerlicher Erzählungen. Zweiter Theil. Mainz. Digitalisiert von Google

“[S. 65] Mit einem Wort, es war die schönste Frau, die ich je gesehen hatte. Sie war mit einem großen Schwarme junger Männer aus den ersten Ständen umgeben, und lange fehlte mir der Muth mich unter diese zu mischen. Endlich fand ich Veranlassung ein paar Worte an sie zu richten, und sie war so zuvorkommend ein Gespräch über die Musik mit mir anzuknüpfen, welches mir Gelegenheit zu einer größeren Annäherung gab. Sie äußerte nämlich, daß sie eine große Liebhaberin der Zumsteegschen Musik von Bürgers Lenore sey, und klagte diese weder in Leyden noch in Amsterdam in den Musikhandlungen gefunden zu haben. Ich besaß gerade ein Exemplar und bot es ihr an. Sie bezeugte viele Freude darüber, und bat mich ihr es den nächsten Nachmittag zu bringen. Ich ging um die mir bestimmte Zeit zu ihr hin, wurde, als ich mich melden ließ, sogleich angenommen und der Bediente führte mich in ein im phantastisch prächtigen Geschmack verziertes Zimmer, wo sich die Gräfin mit einer Gesellschafterin und ihrer Kammerfrau befand. Sie bot mir einen Sitz neben ihr auf dem Sopha an, dankte mir herzlich für die Noten und schlug vor, die Ballade auf ihrem Pianoforte sogleich zu versuchen. Wir setzten uns ans Instrument und sie sang, während ich akkompagnirte. Nie noch hatte ich eine Stimme von reinerem Metall und angenehmerer Melodie gehört; nie war mir eine kunstfertigere Sängerin vorgekommen. Welchen Ausdruck wußte sie in ihre Töne zu legen und wie sie zu moduliren! Mir war, als hörte ich die unglückliche Lenore selbst klagen; ich glaubte sie selbst die Hände ringen und die Haare ausraufen zu sehen, und bei der Stelle
   ´Lisch aus mein Licht, auf ewig aus,
   Stirb hin, stirb hin in Nacht und Graus.
   Ohn' ihn mag ich auf Erden,
   Mag dort nicht selig werden!´
wurde ich so von dem Zauber ihres Vortrages hingerissen, daß mir die hellen Thränen über die Wangen liefen. Meine Empfindung stieg immer höher, als es zu den Strophen kam, welche die schaudervolle Reise beschreiben, und ich mußte meine ganze Kraft zusammen nehmen, um das Akompagnement nicht zu verderben. Die schöne Sangerin selbst machte einen so großen Eindruck auf mich, wie ihr vortrefflicher Vortrag, wie das über alles Lob erhabene Gedicht, und die herrliche Musik. Als wir geendigt hatten, waren wir beide so exaltirt, daß die Gräfin ganz erschöpft und wie ohnmächtig werdend ihren Kopf an meine Schulter lehnte, und ich sie fest mit meinen Armen umfaßte, und an mich drückte. Da dieses in Gegenwart der Gesellschaftsdame geschah, so dürfen Sie glauben, daß diese schnelle Annäherung unwillkührlich vor sich ging und eine Wirkung der Musik war. Endlich faßten wir uns, ich mehr, die Gräfin weniger verlegen, und um die erforderliche Haltung zu gewinnen, fing sie ein Gespräch über den Stoff des Gedichtes an, das uns bald in einem ungezwungenen Uebergange auf die Liebe führte. ´,So würde ich auch lieben, rief sie aus, eine Trennung vom Geliebten brächte mich zur Verzweiflung; an seinen Besitz könnte ich meine Seligkeit setzen, und die Qual des Verlustes würde das Gespenst seyn, das mich zum Kirchhofe brächte.´
   Wie ist es möglich, versetzte ich, daß Sie unmittelbar nach dem Vortrage dieser Ballade, die außer dem ästhetischen Zweck doch offenbar den hat, uns auf eine ruhige Ertragung unseres Geschicks hinzuweisen, einen solchen, der Meinung des Verfassers widersprechenden Gedanken fassen können?
   ´Glauben Sie es nicht, daß der Verfasser mit seinem Gedicht ein Moralgesetz den Menschen als nothwendig und heilsam erweisen wollte. Er kannte das Menschenherz viel zu gut, um nicht zu wissen, daß es Naturen giebt, bei denen die Liebe unüberwindlich ist, und die nur in gänzlicher Zerstörung ihres Wesens enden, wenn das Schicksal ihnen den geliebten Gegenstand entzieht. Des Dichters eigenes Leben giebt ja davon ein Beispiel. — Ich fühle es, ich würde den Verlust eines Geliebten nicht überleben.´“

 

1819

Bouterwek, Friedrich. Der göttingische Dichterbund. In: Geschichte der Künste und Wissenschaften. Dritte Abtheilung. Geschichte der schönen Wissenschaften. Eilfter Band.  Digitalisiert von Google.

“[S. 395] Nicht einmal das Glück, sich sagen zu können, daß er noch ein Liebling des Publicums sey, war ihm geblieben, nachdem Schiller in einer strengen Recension die schwache Seite der Poesie des sonst so gefeierten Mannes ohne Schonung aufgedeckt, und von den Vorzügen, die Bürger's Gedichten die Unvergänglichkeit sichern, nur im Allgemeinen einiges gesagt hatte. [...]
Als seine Ballade Lenore in dem Musenalmanache zum ersten Male gedruckt erschienen war, hatte sie das Publicum in einem Grade bezaubert, wie außer Göthe´ns Werther und Götz kein neues Werk eines deutschen Dichters. Auch die Engländer nahmen dieses Gedicht wie den Werther auf, bewunderten es und ahmten es nach. In Deutschland wurde es von so Vielen auswendig gelernt, daß es sich durch die Tradition hätte erhalten können, wenn es aus der Litteratur verschwunden wäre. Auch mehrere lyrische Gedichte Bürger's gingen von Mund zu Munde. Die Kritiker stimmten in diesen lauten Beifall ein. Wenn sie einen deutschen Originaldichter nennen wollten, nannten sie Bürger, besonders nachdem er im Jahre 1778 seine Gedichte zum ersten Male gesammelt herausgegeben hatte. Die Veränderungen, die man nach eilf Jahren in der zweiten Ausgabe fand, bewiesen, wie sehr ihm selbst daran gelegen war, seine bewunderten Talente auszubilden.

[S. 397] Aber diese und andre Auswüchse der bürgerischen Poesie werden durch eine Schönheit überwogen, die man bei keinem andern Dichter in dieser Vereinigung harmonireder Züge findet. Bürger ist unter allen litterarisch gebildeten Deutschen der erste, den man in einem wahrhaft poetischen Sinne einen Volksdichter nennen darf. Dieser Titel, den ihm das Zeitalter gab, war auch ihm selbst vor allen übrigen der liebste. Für die wahre Poesie hielt er nur die ursprüngliche, die ohne Beziehung auf Gelehrsamkeit und auf die Convenienzen des feineren Umgangs warm und frisch aus dem menschlichen Gemüthe sich ergießt; die deßwegen auch jedes menschliche Gemüth ergreift, das nicht an Convenienzen hängt; und die einem Jeden verständlich ist, wer die gewöhnliche Bedeutung der Wörter versteht. Diese Art von Poesie, die man bis auf Bürger in Deutschland fast ganz dem gemeinen Manne überlassen hatte, hielt Bürger einer litterarischen Bildung fähig, durch die sie veredelt werden könne, ohne ihren eigenthümlichen Charakter zu verlieren. Vollendet im Geiste der griechischen Vorwelt ohne Hülfe der Gelehrsamkeit zeigte sich ihm diese Volkspoesie in den homerischen Gedichten. Nicht so ausgebildet, aber darum nicht weniger kräftig und wahr, und dem Geiste der romantischen und der neueren Zeiten gemäß, erkannte er eben diese Poesie in den alten englischen Liedern und Balladen wieder, die der Bischof Percy gesammelt und bekannt gemacht hatte. Von dieser Ansicht ging die ganze Bildung aus, die er, um schulgerechte Regeln wenig bekümmert, sich selbst zu geben suchte. Wie theuer ihm die homerischen Gedichte waren, hat er durch seine Uebersetzung einiger Bücher der Iliade bewiesen.

[S. 398] Die alte Dichtungsart erweiterte ihre Grenzen, als Bürger die Kunst der mahlerischen Beschreibung, die er durch sein Studium der homerischen Gedichte näher hatte kennen lernen, auf die Ballade übertrug, und ihr zugleich in allem, was zur Bildung der Sprache und der Versarten gehört, eine classische Vollendung gab. Daher sind die längeren Balladen von Bürger, zum Beispiel die Lenore und die Entführung, einzig in ihrer Art; und alle Versuche der Nachahmer, Bürger auf dieser Höhe zu erreichen, sind mißlungen, bis Göthe und Schiller durch Gedichte, die nun wieder Romanzen hießen, der Dichtungsart eine neue Wendung gaben. In den Liedern von Bürger ist das Volksmäßige hier und da ohne die Würde, von der auch die naivste Poesie sich nicht lossagen darf. Aber die naive Tändelei, die dem feierlichen Schiller an Bürger´s Liedern mißfiel, gehört zu ihrem Wesen, und kann nur Dem mißfallen, wer sich überhaupt keine wahre Schönheit ohne eine gewisse Feierlichkeit denken kann.”

Bouterweks Beitrag in der ONLINE-BIBLIOTHEK

 

1819

Keller, Georg Victor. Ideale für alle Stände: oder Moral in Bildern  1819

“[S. 248] Durch diese Betrachtungen und Gründe, verbunden mit dem Gedanken an Gott und Religion, wird dem guten Jünglinge im Kampfe mit der Sinnlichkeit nicht mehr so schwer sein. Die Stimme dieser Leidenschaft ist die süßeste; aber die Stimme der Religion: wie sollte ich ein solch Uebel thun! hat göttliche Kraft, und wird ihn zurückhalten, wenn ihn der Sirenengesang der Wollust lockt, und die Verführung das Laster mit den lieblichsten Farben malt. Wohl ihm! es gilt, was die Schrift von dem Rechtschaffenen sagt: Er steht da, und grünt, wie ein Baum, gepflanzt am Wassergraben. Er kann mit Bürger singen:
  Wem Wollust nie den Nacken bog,
  Und der Gesundheit Mark entsog,
  Dem steht ein stolzes Wort wohl an,
  Das Heldenwort: Ich bin ein Mann!
     Denn er gedeiht, und sproßt empor,
  Wie auf der Wies' ein schlankes Rohr;
  Und lebt und webt, der Gottheit voll,
  An Kraft und Schönheit ein Apoll. “

 

1819

Notizen, Künste und Wissenschaften betreffend. In: Oppositions-Blatt oder Weimarische Zeitung. 21. September. Digitalisiert von Google

“[Sp. 1791] (Italien.) Im Augustheft der Biblioteca italiana findet sich eine Übersetzung von Bürgers Lenore. “

 

1819

Klingemann, August. Hamburgs Theater. In: Kunst und Natur; Blätter aus meinem Reisetagebuche. Digitalisiert von Google.

“[S. 606] Shakspears Makbeth wurde auf eine seltsame Weise nach zwei zusammengesetzten und sich in ihrem Geiste widersprechenden Bearbeitungen, der Schillerschen und Bürgerschen gegeben, und zwar so, daß der historische Theil des Stücks der ersten, der rein phantastische aber (die Zauberscenen) der letzten angehörten. - Schiller und Bürger erscheinen, wie überall, so auch in der Bearbeitung der Shakspearschen Hexenscenen, als Antipoden, keiner von beiden aber hat den eigenthümlichen Geist des Originals richtig aufgefasst und getreu wiedergegeben. - Schiller entführte die rein phantastischen aus Nebel erschaffenen Zauberwesen aus ihrem schottischen Vaterlande in eine idealere Heimath, und erhob sie zu Schicksalsschwestern, was sie keinesweges sein sollen, ja bei der ersten von ihm auf der Weimarer Bühne angeordneten Darstellung, ließ er sie von Männern ausführen, denen er sogar bei ihrer Costumirung Cothurne zur Vorschrift gemacht hatte. - Wurde diese Parthie des Stücks von Schiller zu sehr idealisirt, so muß man seinem Vorgänger Bürger den entgegengesetzten Vorwurf machen, nämlich sie aus dem Phantastischen zu tief in das Niedrige herabgezogen zu haben.”

 

1819

Wachler, Ludwig. Vorlesungen über die Geschichte der teutschen Nationallitteratur. Zweiter Theil.  Digitalisiert von Google.

“"[S. 231] Dasselbe Verdienst um Wiederherstellung, Veredelung und Verbreitung der vaterländischen Volksdichtkunst erstrebte Gottfried August Bürger aus Molmerswende im Halberstädtischen [geb. 1748; st. d. 8 Jun. 1794], zulezt ausserordentlicher Professor an der Göttinger Hochschule, auf der er [s. 1768] studirt und, nach Niederlegung einer wider seine Neigung [s. 1772] bekleideten Amtmannsstelle in Altengleichen, als Privatlchrer [s. 1778] gelebt und die Einführung der kritischen Philosophie [s. 1787] nicht ganz erfolglos versucht hatte; ein von vielen Seiten durch lauten Beyfall der Mitwelt gefeierter Dichter, dessen freyes Fortschreiten zu reinerer und höherer Kunstvollendung ein freudeloses Leben und Ungemach, das freilich nicht unverschuldet, ihn härter als viele andere traf, sehr erschwerten. Er scheint daher einigen Anspruch auf die schwer zu bewilligende Ausnahme von der Regel zu haben, welche bey Würdigung des Kunstwerkes die Persönlichkeit und das gesellschaftliche Verhältniß des Künstlers unberücksichtigt läßt; Bürger muß, wenn er nicht ungebührlich viel an seinem Werthe verlieren soll, mehr nach Anlagen, Vorsätzen und Bestrebungen, als nach seinen Leistungen beurtheilt werden. Seinen Beruf zum dichterischen Leben und Wirken entschied eine lebendig regsame Einbildungskraft und ein weiches warmes Gefühl; er empfing leicht, verband schnell und richtig, und gestaltete mit rascher Liebe das Gegebene zu seinem künstlerischen Eigenthume. Seine Darstellung beweget sich mit jugendlicher Frischheit und Keckheit, greifet unmittelbar in, oft sehr glücklich vergegenwärtigte Kreise und Augenblicke des wirklichen Lebens ein und gewinnt durch wirksame Bilder und Worte Anschaulichkeit für Viele. Er hatte umsichtig beobachtet und geforscht über das Gemeinsame des Eindrucks, über Störung und Erschwerung des Volksthümlichen, über den der gemischten Mehrheit zusagenden Ton und Styl der redenden Kunst; er kannte die Sprache genau und hatte Gewalt über ihre Reichthümer; sein Ohr war für Wohllaut geübt. Bürger würde einer unserer besten Volksdichter geworden seyn, wenn seine Fortbildung durch freudigere Umgebungen und Verhältnisse begünstigt worden wäre; dem Ziele, welches er auf der von ihm betretenen Bahn erstrebte, würde er näher gekommen seyn, wenn er mit Entäußerung herkömmlicher fremdartiger Gelehrsamkeit und Bildung und mit Vermeidung blendenden Schmuckes, sich reine Volksthümlichkeit der Ansicht und wahrhaft edle Einfalt des Ausdrucks dafür zugeeignet hätte; die später versuchte Ergreifung des Idealen mußte mislingen und bey den aus diesem Gesichtspuncte hervorgegangenen Umarbeitungen konnten die früheren Gedichte nur verlieren. Was als Gebrechen des dichterischen Kunststyles in sehr vielen, ja in den meisten Arbeiten Bürger's hervortritt, ist als unausweichliche Folge seiner, durch vertrauteren Umgang mit Klotz in Halle [s.1768] und durch vielfache Verirrungen verunreinigten sittlichen Denkart und Phantasiebildung zu betrachten; daher die flandrische, oft rohe Derbheit in Versinnlichung der Stoffe und Betrachtungen oder Empfindungen; daher die Verletzung religiöser Zartheit wie sie in "Frau Schnipps" gefunden wird; daher das nicht ganz seltene Herabsinken zur Gemeinheit. Ausgezeichnetes Verdienst erwarb sich Bürger um die Ballade; die einzige "Leonore" (1773) würde ihn unsterblich gemacht haben. Unter den Liedern sind viele vortrefliche, wenn auch wenige dem "Zechliede" (1777) und dem Preise der "Männerkeuschheit" (1778) an die Seite gestellt werden können. Die Wiedereinführung des Sonetts war dankeswerth, aber der Gehalt ist gering. In der unbeendeten hexametrischen Verteutschung der homerischen Iliade läßt sich das beharrliche Streben nach gewissenhafter Treue nicht verkennen; auch die metrische Darstellung des vierten Buches der Virgilischen Aeneide ist nicht mislungen. [...]
      Die Würdigung des Charakters und Werths der Bürgerschen Gedichte welche wir von Schiller und von A.W. Schlegel haben, ist so gehaltvoll lehrreich, daß ihre Beachtung auf das dringendste empfohlen werden muß.”

 

1819

Gerber, August Samuel [Doro Caro]. Die schwarze Frau am Walde. In: Neueste Novellen. Brünn. Digitalisiert von Google

“[S. 224] Nach einer halben Stunde kam der Fürst zurück.
   Der Wagen war bereits angespannt. Ich nehme, sagte der Fürst, meine liebe Tochter in meinen Wagen. Ihr andern mögt wissen, wie Ihr nachkommt. Doch komm her, mein Sohn. Er stellte ihn zur fürstlichen Braut, und sagte:
   Nun wechselt Ring und Hände
   Und damit Lied am Ende. *)

*) Die beyden Reihen hat der Novellen-Dichter dem verstorbenen braven Bürger abgeborgt.
  Ich merk´ es.
        Der Setzer “

 

1819

Sch-t. Für die Juden. In: Der baierische Verfassungs-Freund. Erster Band. München. Digitalisiert von Google

“[S. 37] So gerne ich meine als so gefährlich angegebene Behauptung unterdrücke, und auch von Andern unterdrückt wissen will, so herzlich wünsche ich, daß die vorgeschlagenen Mittel zum schönen Ziele führen mögen, aber wenn nur die Wenn und die Aber nicht wären, sage ich mit Bürger, hätte man aus Häckerling Gold schon gemacht! - Glaubt denn der Verfasser, daß es die Regierung bisher unterließ, sich soliden christlichen Häusern zu nähern? aber was half diese Näherung, wenn sich diese immer mehr zurückzogen?
  ´Man räume allen gleiche Rechte und Vortheile ein, man mache den Kurs der Staatspapiere von den Manipulationen und heimlichen Geschäften einzelner jüdischer Häuser unabhängig, und es wird nicht an Christen fehlen, die der Regierung für den gemäßigsten Gewinn Zutrauen und Unterstützung anbiethen!´
   Ich frage hier: worinn bestehen denn die Vortheile und Vorrechte die man in allen bisher vom Staate ausgegangenen Geschäften den Juden einräumte?
   Alle Anlehensgeschäfte, die der Staat in den letzten kummervollen Jahren machen mußte, wurden nicht geheinmißvoll behandelt, und es läßt sich ohne Kränkung der Regierung nicht denken, daß sie Kontrakte hierüber bey ganz gleichen Bedingungen nicht eben so gerne mit ihren christlichen Unterthanen würde abgeschlossen haben, wenn diese nicht entweder Mißtrauen zum Staate, oder eine noch weniger zu ersättigende Gewinnsucht davon zurückgehalten hätte! “

 

1819

Wähner, Friedrich. Rez. Der Declamationssaal von Th. B. v. Sydow. In: Janus, 20. Jänner. Wien. Digitalisiert von Google

“[S. 153] Da nun aber nicht auf jeder Station ein berühmter Dichter lebt, so hat sich der fahrende Schüler geholfen durch Aufnahme von allerlei Erbärmlichkeiten, die dicht neben guten Sachen stehen. Ein widerliches Ding ist besonders: Edle Rache eines Juden von Präzel. Es schmeckt etwas nach dem braven Mann von Bürger, ist aber als Gedicht im Grunde davon so weit entfernt als nur irgend ein Schurke von der Tugend.“

 

1819

Wähner, Friedrich. Kritische Ausflüge. In: Janus, 10. April. Wien. Digitalisiert von Google

“ [S. 19] Motto mit einer kleinen Veränderung aus Bürger.
       Dichten? Dichten? Nichts als plattes Dichten?
       Nun so dichtet euch denn satt und matt.
       Zur Vergeltung will ich euch auch richten,
      Wie noch keiner euch gerichtet hat.“

 

1819

Stein, Karl. Wer bin ich? In: Der Freimüthige für Deutschland, 12. Januar. Berlin. Digitalisiert von Google

“ Sie sind entlassen! Hier empfangen Sie noch Geld, mehr als Sie verdienen. (Er warf ihm eine Rolle Silbergeld zu.) Nehmen Sie, setzen Sie sich auf Ihr Roß, und reiten Sie so schnell von hinnen, wie der Tod in Bürgers Ballade.
   ´Recht gern,´ erwiederte dieser schlau lachend, wenn ich auch die Braut mit mir nehmen kann, wie dort der Tod seine Leonore. Ohne die liebreizende Frau hier, gehe ich nicht von dannen!´ “

 

1819

Anonym. Nichts Neues unter der Sonne. Erinnerung an Höltys Leben. In: Der Freimüthige für
Deutschland, 17. Februar. Berlin. Digitalisiert von Google

“´Im Sommer 1773 feierte man [Hölty, Boie, Hahn, Bürger, Miller, Voß, die beiden Grafen von Stolberg] Klopstocks Geburtstag. Vater Klopstock und Vater Rhein machten die Unterhaltung warm: man schwebte in Höhen der Begeisterung; man blickte mit edelm Unwillen auf den Leichtsinn, der damals Ernst und Gefühl für Großes hinweg tändelte. Der verständige Boie suchte Entschuldigung, man ward heftiger. Einer trug die komischen Erzählungen [von Wieland] herbei. Verbrannt! rief es umher, und sogleich loderte die Flamme auf. Hier auch, rief ein Anderer, das Fratzengesichr aus dem Taschenbuch! Ein Jubel entstand, da dreimal das arme Bild von der Hitze wieder auffuhr. Der plötzliche Vorfall, der nichts als ein jugendlicher Muthwille gegen den Mißkenner des Desipere in loco war, endigte damit, daß Boie lächelnd die Unbändigkeit verwies.´
     So erzählt einer der edelsten deutschen Männer, Johann Heinrich Voß, einen kecken Jugendscherz. Wieland war damals ein schon sehr namhafter Mann, lebte an einem der gebildetsten deutschen Höfe als Erzieher des Erbprinzen, und wurde von göttinger Studenten im Bilde verbrannt!
     Ob man damals auch geschrien hat von unreifen Aristarchen? von Knaben, die klüger seyn wollen als Männer? von Schülern, die ihre Lehrer zu meistern sich erdreisten? von schweren symbolischen Verbal- und Realinjurien? von freventlicher Beleidigung eines fürstlichen Hofes? - Und wie mag der lebendig empfindende, der alles Unrecht tief fühlende Wieland sich bei diesem schrecklichen Attentat auf seine Ehre benommen haben? Ob er seine Beleidiger nicht von feilen Federn durch alle Zeitblätter jagen lassen? ob er nicht selbst die ganze Hölle gegen sie aufgehetzt? ob er nicht den göttinger Lehrern nachspähen lassen, die ihm vermuthlich eine solche Beschimpfung bereitet hatten? oder ob er von dem allen nichts gethan, und die ausgelassene Jünglinge in Frieden und Ruhe zu deutschen Ehrenmännern hat reifen lassen? “

 

1820

Erhard, Heinrich August. Gottfried August Bürger, und mit ihm Berührung einiger seiner Zeitgenossen. In: Die Mitwelt

“[S. 95] Es ist nicht unbelohnend, und kann nur den Tadel oberflächlicher Köpfe veranlassen, daß die Manen Bürger´s noch einmal eingeladen werden, zu der Unterwelt sich herabzulassen. Bürger war Balladendichter, Nationaldichter im vollsten Gehalt des Worts, und sonach, da schon jetzt viele seiner Gesänge, besonders auf dem Lande, von Mund zu Mund sich fortpflanzen, ist es entschieden, daß sein Ruf durch die Vox populi noch lange stehn wird, gegründet in seinen Gesängen durch hohen Beruf und durch kunstlose Ausführung. - Wenn denn auch bei diesem Volksdichter, einer Zierde seiner Zeit, künftige Jahrhunderte fragen werden “wie wurde er geehrt? wer wand ihm den Lorbeer? wer gab ihm die glückliche Freiheit, das dolce far´niente! in der Phantasiewelt schwärmen zu dürfen?” so muß es auch hier wieder heißen: “die Bedrücker kannten ihn nicht, die Bedrückten konnten ihn nur mit Worten bewundern; und es ging auch ihm fast wie dem blinden Homer, der seine Gesänge vor den Säulengängen der Palläste um ein Geringes recitirte.”

[S. 137] Seine [Bürgers] Geständnisse sind oft nicht die rühmlichsten, und seine Lebensverwirrungen wohl zu entschuldige, aber nicht zu rechtfertigen. Ehrten, bewunderten wir nicht den Dichter, liebten wir nicht seine flatterhafte, unbesonnene Gutmüthigkeit im wirklichen Leben, wir würden bei alle dem, was wir von ihm gehört, und noch mehr bei dem, was wir nicht gehört, auf den moralischen Menschen mit Steinen werfen.

[S.145] Die Kälte, mit welcher man größtentheils die Nachrichten von Bürgers letzter Lebensperiode und seinem Tode in Göttingen aufgenommen, hatte ihren Grund in Stadtgesprächen. Die geschiedene Ehefrau hatte nemlich auch ihre Parthei, suchte sich auf Bürger´s Kosten vielleicht auch wohl mitunter zu rechtfertigen, und es liefen Gerüchte umher, daß er bei den Ausschweifungen der Gattin nicht aus Blindheit, sondern des Vortheils wegen geschwiegen, und daß seine ganze Krankheit die Folge gemeiner Ausschweifungen, welche den Krankheitsstoff gleich mit sich führen, sey.

[S. 147] Dazu kam, daß er in Göttingen unter seinen jungen Freunden in einer strengen Schule der Prosodie erzogen war, und daß sein herrlicher Freund Boie es nie zugab, wie er dem jungen Roß nach ungebahnten Wegen den Zügel lasse. Um so vollendeter, ansprechender, dauernder stehn aber auch seine Geistesprodukte da, weil er aus sich selbst herausging, nicht, wie Dichterlinge sich selbst gefiel, sondern den Eindruck berechnete, welchen seine Posie machen müsse.

[S.151] Am reichhaltigsten, glücklichsten und ruhmwürdigsten blieb Bürger ohnstreitig in der Dichtungsart, die er selbst “episch-lyrische Gedichte” nennt. Seine Romanzen und Balladen, überhaupt seine Volksgesänge und volksthümlichen Lieder gehören darunter. Einen überjährigen Samen für die Zukunft hat er sich dadurch gestreuet; ihm grünt durch sie ein ewiger Lorbeer. Jahrhunderte werden vergehen, und der Deutsche kennt und liebt - die Lenore - den Raubgraf - die Weiber von Weinsberg - schön Sußchen - Lenardo und Blandine - Frau Schnips - den wilden Jäger - des Pfarrers Tochter zu Taubenhain - den Kaiser und Abt u.s.w.[...] In Gedichten anderer Gattungen blickt Bürgers Freiheitssinn, sein geschworner Haß gegen alle Dependez vom Staat, seine Verachtung aller Schmeichelei hindurch.

[S. 157] Bürger, als Mensch betrachtet, war als moralischer Mensch nicht von Auszeichnung, sondern er fand seines Gleichen überall. Ein Widerstreit zwischen Empfindung und Vernunft - gute Grundsätze und ungemäßigte Leidenschaften - Genuß und dann Bereuen des Genusses - Maxime im Wort, Laune im Handeln - redlich und gefällig ohne Eigennutz, aber immer an der falschen Stelle - lässig im Einnehmen, locker im Ausgeben - so war Bürger mit vielen anderen sanguinischen Männern. Im Bürgerleben fehlte viel, daß er, als halber, der Weltverhältnisse unkundiger Naturmensch, dem alles abging, sich in Zwang, Ergebenheit und Weltton zu schicken, hier sein Glück hätte machen können. Im allgemeinen aber waren seine Unglückssterne - die Frauen!!”

Ehrhards Beitrag aus der Mitwelt in der ONLINE-BIBLIOTHEK

 

1820

Crome, August Friedrich Wilhelm. Das Königreich Würtemberg. In: Geographisch-statistische Darstellung der Staatskräfte von den sämmtlichen, zum deutschen Staatenbunde gehörigen Ländern [...]. I. Theil. Leipzig. Digitalisiert von Google

“[S. 253] Die Weiber in Würtemberg haben diesen schönen Nationalcharacter noch liebenswürdiger gemacht. Sie sind aber auch sonst sehr liebenswürdig, durch ihre schöne körperliche, meist niedliche Figur, durch ihre hellen, blauen Augen, so wie durch Freundlichkeit, Naivität und Gutmüthigkeit. Dabei sind die Schwäbinnen so arbeitsam in und ausserhalb dem Hause, so genügsam und bescheiden so friedsam, treu und liebevoll gegen ihre Männer, daß Kaiser Conrad wahrlich Recht hatte, wie er die Weibercapitulation von Weinsberg (im Königr. Würtemberg) im Jahr 1141 ratificirte, und der Dichter dieser schönen Romanze (Bürger) hatte nicht minder Recht, wie er ausrief; ´Kommt mir einmal das Freien ein, so muß es eins aus Weinsberg seyn.´ “

 

1820

Schreiber, Heinrich. Einige Bemerkungen über das Schöne, mit besonderer Rücksicht auf die neuern Kunsterzeugnisse. In: Eleutheria. Dritter Band. Freiburg im Breisgau. Digitalisiert von Google

“[S. 227] Aus diesem Grunde kann ferner auch das Romantische mit der Plastik nicht zusammenstimmen. Wer könnte sich das Meisterwerk romantischer Schöpfungen, Bürgers Leonore, von dem Meisel ausgeführt denken; nicht einmal als Gemälde oder scharfen Kupferstich. Aus eben diesem Grunde äußert aber auch das Romantische eine so wunderbare Gewalt auf uns.“

 

1820

Anonym. Zootomie. In: Zusammenstellung einiger Hauptmomente aus der Geotomie, Phytotomie und Zootomie. Leipzig. Digitalisiert von Google

“ [S. 500] Athmungssinn äußert sich an der innern Mundhöhle, den Nasenlöchern und der Luftröhre gegen eingeathmete Luft eben so wie Geschmackssinn am Gaumen und Zunge, gegen feste und tropfbarflüssige Körper. Dieser Sinn könnte auch Witterungssinn genannt werden, in demselben Sinne, als in Bürgers Leonore Wilhelm sagt: Ich witt´re Morgenluft. “

 

1820

Businger, Joseph. Strutt von Winkelried und der Lindwurm. In: Schweizer´sche Bilder Gallerie. Erster Band. Luzern. Digitalisiert von Google

“[S. 162] Wir begnügen uns, das ganze seltsame Ereigniß unenthüllt in seinem Wesen zu lassen, und die geschichtliche Uebergabe hier in einer kleinen erzählenden Dichtung, nach G. A. Bürgers Manier, aufzustellen, wie sie von einem vaterländischen Dichter einst besungen worden.
   Es klagte Jüngling, Mann und Braut,
     Es strömte manche Thräne,
   Im ganzen Lande schollen laut
     Nur bange Jammertöne.
   Aus was für Ursach klagte man,
   Aus was für einer Ursach´ rann
      So manche heiße Zähre,
      Hört eine alte Mähre?
 “

 

1821

Anonym. Hesperus. Encyclopädische Zeitschrift für gebildete Leser. Acht und zwanzigster Band

“[S. 107]Ein Wort über Bürgers Gedichte in der Etui Bibliothek (Aachen bei Forstmann.)
In dem Vorbericht zu Bürgers Gedichten in der Etui-Bibliothek der teutschen Classiker heißt es: "sie, die (Sammlung,) enthält höchstens den dritten Theil des Ganzen, aber gewiß Alles, was der Vergessenheit entrissen zu werden verdiente" - Aber wo bleibt denn, nebst manchem Andern, frage ich, das Lied vom braven Mann? Ein Lied, welches ich noch aus der Schule hernahm? Ich erinnere mich mit vielem Vergnügen, wie sehr es damals meine jugendliche Phantasie beschäfligte, mein Gefühl in Anspruch nahm. Noch heute spricht es mich lebendig an, und gewiß sind noch heute Tausende, die teutschen Sang lieben, mit mir darüber einverstanden. Es ist ein herrliches Lied, das Lied vom braren Mann, und es hätte wohl verdient aufgenommen zu werden. Man konnte ja, wenn der Raum zugemessen war, lieber ein anderes Gedicht der Sammlung fehlen lassen, z. B. der Bauer an seinen durchlauchtigen Tyrannen. - Vorgefühl der Gesundheit. - Das Lied vom braven Manne klingt schöner, und wäre gewiß den Meisten erwünschter. - Das Aeußere der Etui-Bibliothek ist nicht nett ; Papier und Druck ist gut, der letzte mit unbedeutenden Ausnahmen korrekt. Aber warum wählte man für teutsche Lieder, nicht lieber teutsche Lettern statt der lateinischen? - Sammler und Verleger mögen mir diese gutgemeinte Bemerkung nicht übel nehmen.”
 

1821

Hennings, Wilhelm. Deutscher Ehren-Tempel, Band 1 Gotha

“[S. 63] Nachdem er [Schiller] sein Inneres durch die Schätze der Geschichte noch mehr bereichert und seine Ansichten durch das Studium der Philosophie geläutert hatte, mussten auch seine Urtheile über Kunstwerke anders ausfallen. Fast keins seiner frühern Gedichte konnte jetzt mehr vor dem Kunstrichter bestehen. ´Ich habe mir gewissermassen selbst den Krieg erklärt´, sprach er damals. Mit der Strenge, die er gegen die eigenen Werke übte, verfuhr er damals auch gegen Bürgers Gedichte (Allgemeine Lit. Zeitung. 1791.). Er machte an die Dichtkunst die Anforderung: ´Was Erfahrung und Vernunft an Schätzen für die Menschheit anhäuften, muss Leben und Fruchtbarkeit gewinnen und in Anmuth sich kleiden in ihrer schöpferischen Hand; die Sitten, der Charakter, die ganze Weisheit ihrer Zeit muss sie geläutert und veredelt und mit idealisirender Kunst aus dem Jahrhunderte selbst ein Muster für das Jahrhundert erschaffen´. Solche Ansichten leiteten ihn bei Beurtheilung der Gedichte Bürgers. Nicht Persönlichkeit war es, welche das strenge Gericht über jenes Dichters Werke eingab und ihm fast alle Idealität absprach; es war der unmännliche kindische Ton, den ein Heer von Stümpern in die lyrische Poesie einführte, welcher ihn erbitterte, weil er die Würde der Dichtkunst antastete. Und was hiervon Bürger durch sein Beispiel förderte oder in Schutz nahm, hat Schiller hart verurtheilt. Seine Absicht spricht sich deutlich genug in den Worten aus: ´Wenn wir bei Gedichten, von denen sich unendlich viel Schönes sagen lässt, nur auf die fehlerhafte Seite hingewiesen haben, so ist dies, wenn man will, eine Ungerechtigkeit, der wir uns nur gegen einen Dichter von Bürgers Talent und Ruhm schuldig machen konnten; nur gegen einen Dichter, auf den so viele nachahmende Federn lauern, verlohnt es sich der Mühe, die Parthei der Kunst zu ergreifen und an die höchsten Forderungen derselben zu erinnern.´ Jene oft übelgedeutete Rezension will keineswegs den Dichter beleidigen und niederschlagen; kränken wollte Schiller der edle Menschenfreund nie. Alle Vorzüge des Geistes und Herzens Bürgers werden mit Wärme gerühmt; es wird ihm in Bezug auf die Balladen das ehrenvollste Lob ertheilt. Dass ein Dichter von so hohen Talenten sich selbst vollenden und etwas Vollendetes liefern möge, ist der Zweck jener Rezension. Und muss nicht einem Menschen tüchtiger Natur, der nicht von eitler Selbstgefälligkeit verblendet oder durch viele Weihrauchdüfte verderbt ist, ein wohlbegründeter Tadel lieber seyn, als ein schales gehaltloses Lob? Und hatte nicht Schiller in der oben genannten Rezension selbst über G öthes E gmont eine gleiche Gerechtigkeit geübt? Was er in der Antwort auf Bürgers Antikritik erwiederte: ´immer könnte ein Dichter jenes Urtheil geschrieben haben, der freilich nicht die Klugheit besass, seine eigenen Geisteskinder vor der Strenge dieser seiner Theorie zuvörderst in Sicherheit zu bringen,´ er bewährte auch bei der nachher unternommenen Durchsicht seiner frühern Gedichte. Vieles wurde umgeändert, mancher üppige Auswuchs abgehauen, manches ganz vertilgt.“

 

1821

Edmund der Waller. Der neue Grandison. In: Der Sammler, Wien 23. Juny. Digitalisiert von Google

“[S. 298] Carl, zutraulich und gut, voll reger Empfänglichkeit für den Unterricht Cäciliens, erfreute seine Lehrerinn durch bedeutende Fortschritte. Man würde wahrlich andere sieben Bände eines neuen Grandison schreiben müssen, um den ganzen Gang dieser Erziehung darlegen zu können; hier sey es damit genug: nach mehreren Jahren war Carl so weit gediehen, daß von wissenschaftlicher Kenntniß er Alles besaß, was Cäcilie zu geben vermochte; dabey spielte er die Harfe, sang die ´Männerkeuschjheit´ und den ´braven Mann´ von Bürger, auch selbstgedichtete kleine Lieder, und mahlte nach der Natur.“

 

1821

Klingemann, August. Salzburg. In: Kunst und Natur; Blätter aus meinem Reisetagebuche. Zweiter Band. Braunschweig. Digitalisiert von Google

“[S. 351] Zu diesem Behufe, und weil die Fußwanderung zu lange dauern dürfte, wird von zwei weißen Berggeistern, ein sogenannter Wurstwagen vorgefahren, auf welchen ich mich hinter meinem Führer in reitender Stellung niederlasse, indeß jene Kobolde, einer voran, der andere hinterdrein, sausend mit uns von dannen fahren. Der Stollen ist so eng, wie ein aufgerichtetes Sarggehäuse, und die Schädel müssen ohnfehlbar an den Marmorwänden zerschellen, wenn wir uns nur um eine Handbreit zuweit nach dieser oder jener Seite hinüberlehnen. Da gilt es also graden Stand halten, und ich sitze kerzenaufrecht hinter meinem Vormanne, welcher mir oft, wenn der Bergwind uns pfeifend entgegensauset, wie der geheimnißvolle Zunderreiter in Bürgers Lenore vorkommen will.“

 

1821

Über die dießjährige Kunstausstellung in Dresden. In: Archiv für Geographie, Historie, Staats- und Kriegskunst. 17./ 19. Jänner. Digitalisiert von Google

“[S. 36] Zwey anspruchslose Bildchen von recht guter Wirkung sind Nro. 14. unverhofftes Wiedersehn, und Nro. 16. Scene aus Bürgers Lied vom braven Manne. Beyde vom Hofmahler Kehrer. In Nro. 16. fehlte den Eisschollen das Durchsichtige und die grünlichen Tinten, sie sahen daher wie Kreide aus “

 

1821

Barth, Friedrich. Alte Lieder. Hesperus. Nr. 14. des 28sten Bandes. Gedruckt im Jänner. Prag. Digitalisiert von Google

“[S. 112] Es hatte sich Jemand aus der jetzt erscheinenden Etui Bibliothek unter andern Bürgers Gedichte gekauft. Mehrere bewunderten das Büchlein wegen seiner Nettigkeit, lobten Papier und Druck, und Einer sagte: ´Ja, das muß ich mir auch kaufen!´ Er besah wohlgefällig das Werkchen, las darin und rief plötzlich: ´Knapp, sattle mir mein Dänenroß!´ - ´Nein! - Nun mag ich das Buch nicht! Solche alte Lieder! Ich denke, es ist was Neues!´ - So geht's unsern guten, lieben Alten; in die Ecke werden sie geworfen! Und was hat man statt ihrer? Du lieber Gott! - “

 

1821

Gozzi, Carlo. Theodore. Schauspiel in drei Abtheilungen. Hamm. Digitalisiert von Google

“[S. 143]  Theodore zu Gianetto.
Mir ist, als hört' ich Unkenruf in Teichen.

        Gianetto.
Gewiß mit dem nur läßt es sich vergleichen. “

 

1821

Kotzebue, August von. Bücher-Auction. Ein Fragment. In: Aus August von Kotzebue´s hinterlassenen Papieren. Leipzig. Digitalisiert von Google

“[S. 199] Herr C.
 Der Name S. war blos ein nomen collectivum, und wurde gebraucht, um einen übermüthigen Kriticus, oder einen von Dünkel strotzenden Gelehrten zu bezeichnen; so wie die Griechen einen Rabulisten Sycophant zu nennen pflegten, ohne daß man deswegen behaupten könnte, es habe würklich einen Menschen Namens Sycophant gegeben.
       Herr D.
Sie irren, meine Herren. Wir haben einen alten deutschen Volksdichter ans dem achtzehnten Jahrhundert, Namens Bürger, der dieses S--´s. schon in einem Sonnett erwähnt, einer Gattung von Gedichten, die bei dem damaligen Ueberhandnehmen des verdorbenen Geschmacks häufig zu Tage gefördert wurde. “

 

1821

Rango, Ludwig von. Tagebuch meiner Reise nach Rio de Janeiro in Brasilien und zurück. Erster Theil. Leipzig. Digitalisiert von Google

“[S. 13] Um Deine Erwartungen nicht zu sehr zu spannen, werde ich nun das Portrait des Lootsen liefern. Denke Dir einen vierschrötigen, gegen 12 Zoll langen Prälaten und erinnere Dich dabei des Gedichts, ´der Kaiser und der Abt´ von Bürger:
     Drei Männer umspannten den Schmeerbauch ihm nicht.
     Wie Vollmond glänzte sein feistes Gesicht.
so hast Du, wenn Du zwischen Deinen Farben noch etwas Gutmüthigkeit, für das Collorit des Gesichts mischest, ein treues Portrait des Menschen, der uns ohne weitere Unglücksfälle, den Donnerstag früh um 5 Uhr, hinter Cuxhaven, in die See förderte.“

 

1822

v.B. Weiß Deutschland seine Dichter zu schätzen? In: Zeitung für die elegante Welt. Leipzig. Digitalisiert von Google

“[Sp. 1577] Der Schwätzer wird vergessen, und der anerkannte Dichter lebt fort in dem Herzen des Volks. Es ehrt sich selbst, indem es seine ausgezeichneten Dichter ehrt, und dieses thut es durch das Lesen ihrer Werke. Und daß das deutsche Volk (das heißt: wenigstens der gebidetere Theil desselben) dies thut, ist wohl nicht zu bezweifeln. In wie viel tausend rechtmäßigen und unrechtmäßigen Abdrucken sind die Werke von Gellert, Kleist, Klopstock, Wieland, Hölty, Matthisson, Jacobi, Bürger, Tiedge, Stolberg, Schiller, Göthe und Anderer verbreitet! Gibt es eine bessere Dichter-Krönung, als diese. Ist nicht für jeden Dichter eine neue Auflage seiner Werke ein weit besseres Denkmal, als eins von Erz oder Stein, wie man es Göthen setzen will?“

 

1822

Niemeyer. Chr. Ueber die russischen Dichter. In: Zeitung für die elegante Welt. Leipzig. Digitalisiert von Google

“[Sp. 1323] Als glücklicher Uebersetzer ist auch Zhukovskij berühmt. Seine Liudmilla (eine Nachahmung der Bürgerschen Leonore) wird für kräftiger und schöner gehalten, als das Original selbst. Bürger ist Zhukovskij´s Lieblingsdichter.“

 

1822

Müllner, Adolf Amandus Gottfried. Rezension Friedrich von Schillers Leben. Hg. Heinrich Döring. In: Literatur-Blatt Nr. 81

“[S. 322] Dagegen sind S. 121 die Aufschlüsse angeführt, welche Goethe in der Morphologie Bd. 1. Heft 2. S. 107 über Entstehung des Aufsatzes: Naive und sentimentale Poesie, gegeben hat; woher aber hat der V. die Nachricht S. 123 genommen, daß Bürger damals (in den Jahren 1790 - 1794) nach Weimar gekommen, und mit Schiller verabredet, daß beyde dasselbe Stück im Virgil, jeder in einem selbstgewählten Versmaße, übersetzen wollten? Ref. bezweifelt sie sehr. Bürger starb 1793, er war vor seiner dritten unseligen Verheyrathung, die im J. 1790 erfolgte, nur Einmal in Weimar, bey Gelegenheit einer Reise zu seiner Schwester in Sachsen; sein Aufenthalt in Weimar war sehr kurz, und die bekannte Anecdote von seiner unpoetischen Aufnahme bey Goethe macht es unwahrscheinlich, daß er mir einem Freunde Goethe's, wie es Schiller damals seyn mochte, in solch´ einen Dichterbund getreten sey, mit welchem überdieß der kritische Anfall Schillers auf Bürgers Gedichte in der Allg. Lit. Zeit. v. J. 1791 nicht wohl vereinbar wäre. So viel Rec. weiß, (er hat Bürger genau gekannt) standen beyde Dichter niemals in engeren, freundschaftlichen Verhältnissen, und eine Erdichtung solcher Verhältnisse würde, eben jenes Anfalles wegen, Schillern wenig zum Ruhme gereichen, da derselbe damals gegen Bürger's moralischen Character Angriffe machte, welche man höchstens der Feindschaft nachsehen kann. Auch hat Bürger's Biograph, Reinhard, dieses Aemulationsvertrags mir Schiller nirgends erwähnt, obwohl er in den Sämmtl. Schriften Bürger's Bd. IV. S. 104 über die kritische Fehde beyder Dichter sich ausführlich verbreitet hat. “

 

1822

Lactantius Lanthani. Disputationes in hypothesi, [...]. In: Zeitung für die elegante Welt. Leipzig. Digitalisiert von Google

“[Sp. 1403] Da man jetzt an Reminiscenzen der Universstätszeit und des Burschenhumors, also auch an solchem sogenannten Schulwitze Behagen zu finden scheint, so will ich einige im Geiste jener Burschen-Erudition gefertigte Titel zum Kosten geben, und abwarten, ob diese Speise gefalle, ob ich eine förmliche Garküche eröffnen, und das Schild mit den schon von Bürger gebrauchten Worten:
  Hilf Gott in Gnoden,
  Hier wird auch Seefe gesoden,
aushängen solle? “

 

1822

Eschenmayer, Carl Adolph von. Psychologie in drei Theilen als empirische, reine und angewandte. Zweite Auflage. Digitalisiert von Google.

“[S. 302] Schiller und Bürger führten über ästhetische Sätze einen Streit in Briefen. Schiller verfocht den Satz: Die Kunst müsse idealisiren.Bürger hingegen vertheidigte den Satz: Die Kunst müsse die Natur nachahmen. Aus dem Vorhergehenden erhellt, daß beide Sätze einander nicht ausschliessen, weil die Kunst diese beide Seiten in sich vereint. Die positive Seite des Schönen wird sich dem Ideal der Phantasie, die negative Seite den Formen der Einbildungskraft in dem Bildlichen der Natur annähern. Wir vereinigen beide Seiten im Indifferenzpunkte. Das Schöne soll seine Formen von der Natur entlehnen, aber durch Gefühl erwärmen und durch das Ideal begeistern. Je mehr Ideal sichtbar wird, desto mehr nähert sich das Kunstprodukt dem Erhabenen, und insofern hatte Schiller recht; Aber die Formen können anderer Seits der Natürlichkeit nicht entbehren, und insofern hatte Bürger recht. Die Griechen haben uns ihre Göttergestalten ganz angethan mit menschlicher Natur dargestellt, aber so, daß man im Menschlichen den Ausdruck des Göttlichen nicht verkennen konnte. Das blos Artistische ist noch kein Aesthetisches, daher ist das blosse Copiren der Natur ohne Werth. Das Ideal muß überall durchschimmern, damit ein höheres Leben als das gemeine sich offenbare.”

 

1822

Weisser, Friedrich C. Friedrich Weisser´s sämmtliche prosaische Werke. Erster Theil.  Digitalisiert von Google.

“[S. 285] Wo ist das Heiligthum der Freude, das ihre feuertrunkenen Anbeter betreten, und was heißt feuertrunken seyn? Läßt sich endlich der Gedanke, die Freude läßt die Menschen den Unterschied des Standes und andere Verhältnisse vergessen, durch welche einer von dem andern getrennt wird, auf eine gezwungenere und undichterischere Art ausdrücken, als es in den beyden Versen:
  ´Deine Zauber binden wieder,
   Was die Mode streng getheilt?´
geschehen ist? Selbst dem Ausdruck fehlt es an Richtigkeit. Wer hat jemahls von einem Zauber, durch welchen irgend ein Ding gebunden wird, gesprochen? Und wie paßt der Begriff des Bindens zu dem Begriff des Theilens. Das Wiederbinden einer Sache setzt nothwendig ein vorhergegangenes Zerreißen, nicht aber ein Theilen voraus. Der Verfasser dieser Bemerkungen war selbst gegenwärtig, als Schiller von diesem Gedicht, welches dem verstorbenen Bürger in seiner Parabel, der Vogel Urselbst, zu den Versen Anlaß gab:
 ´Freund, als in einer guten Laun
  Du über Deinen Gartenzaun
  Der Göttinn Freude nach Dich schwangst,
  Da ward mir doch ein wenig angst´
mit entschiedenem Tadel sprach, und sich das Absingen desselben von der Gesellschaft verbat. Auch aus dem Umstand, daß er dieses schon im Jahr 1785 verfertigte Lied erst in den zweyten Theil seiner bey Crusius in Leipzig erschienenen Gedichte-Sammlung aufnahm, läßt sich schließen, daß er es unter diejenigen Erzeugnisse seiner Muse zählte, die er in der Vorerinnerung wilde Producte eines jugendlichen Dilettantismus, und unsichere Versuche einer anfangenden Kunst und eines mit sich selbst noch nicht einigen Geschmacks genannt hat.”

 

1822

Weisser, Friedrich. Verrathene Dichter-Geheimniße. In: Friedrich Weisser´sämmtliche prosaische Werke. Dritter Theil . Zweite wohlfeile Ausgabe. Ebenso: Schreiben einer Dame an einen Dichter. In: Iris. Ein Taschenbuch für 1811. Herausgegeben von J.G. Jacobi.

“[S. 68] Wohl mag der Dichter sein Werk nicht mit der Leichtigkeit hervorbringen, mit welcher wir es zu genießen pflegen. Er mag sogar flicken, feilen und hämmern. Aber ist es klug von ihm, das Publikum zum Zeugen einer Anstrengung zu machen, bey welcher er trotz einem Cyklopen schwitzt und keucht? Die Herren bilden sich doch wohl nicht gar ein, das Gras würde uns lieblicher zu grünen scheinen, wenn wir es wachsen hörten?

[S. 69] Wir denken uns den Dichter so gern als einen Schöpfer, der die Schönheit durch ein bloßes: Werde! aus dem Nichts hervorruft. Und kann man diese anmuthige, ihm und seinem Werk gleich vortheilhafte Tauschung auf eine muthwilligere und grausame Art zerstören, als es durch die Bürgerschen Briefe geschehen ist?

[S. 70] Auf alle Fälle aber giebt es nichts unästhetischeres, als eine solche ästhetische Lektion, und am wenigsten sollte sie vor dem großen Publikum, das nicht zu wissen verlangt, wie man Verse macht, sondern sich der gemachten bloß ohne unangenehme Störungen und widrige Neben-Ideen freuen will, mit einem Wort, sie sollte nicht vor dem Publikum des Morgenblatts, das bekanntlich aus ganz andern Leuten, als aus Poeten-Lehrlingen besteht, gehalten werden. Uebrigens glaube ich, im Vorbeygehen gesagt, nicht einmahl, daß die glücklichsten Werke des schaffenden Genius aus dieselbe Weise, wie Burger die Lenore hervorbrachte, entstehen. Wenigstens will man von einigen der größten Dichter das Gegentheil wissen. Endlich scheint es mir auch noch, und ein Mann, dessen Urtheil auch Sie stets zu achten pflegten, ist gleicher Meinung mit mir, diese Briefe wären nichts weniger als Muster eines gewählten Stils; und daß darin das dichterische Selbstgefühl, nach der bekannten Weise des guten Bürgers, bis zur Anmaßung gesteigert ist, hat bey mir wenigsten das Vergnügen ihrer Lektüre ebenfalls nicht erhöht.Ist es ein Wunder, wenn ich bey dieser Art zu fühlen für eine lange Zeit kein Gedichte mehr lesen, und keinen Dichter mehr sehen mag? Und da Ihr Dämon es will, daß Sie selbst einer sind, so danken Sie es der unglücklichen und Unglück stiftenden Lenore, wenn ich Sie bitte, mich wenigstens drey Monate lang mit dem Anblick Ihrer Person, und ein ganzes Jahr lang mit Ihren Versen zu verschonen.”

Weissers Geheimnisse in der ONLINE-BIBLIOTHEK

 

1822

Schaden, Adolf von. Der böhmische hohe Adel. In: Kritischer Bockssprung von Dresden nach Prag. Schneeberg. Digitalisiert von Google

“[S. 140] Gestern deklamirte mir meine Blondine Bürgers: ´Lenore fuhr ums Morgenroth u. s. w.´ böhmisch, ich war entzückt; — aus schönem Munde umwandeln sich diese harten Töne in amnuthige italische Rundung. “

 

1822

Linden, Emilie. Aus dem Jugendleben einer Matrone. In: Der Sammler, Wien 4. May. Digitalisiert von Google

“[S. 215]
Ich war kaum sechzehn Sommer alt,
  Unschuldig und nichts weiter;
Ich kannte nichts, als unsern Wald,
  Als Blumen, Wies´ und Kräuter *).

So sang ich, während ich meine Blumenrabatte längs des Gartenzauns hin, begoß; da bogen sich die Zweige aus einander, ein freundliches Jünglingsgesicht sah herein, und sagte:
   Da sah ich über'm grünen Zaun
     Im lichten Frühlinggarten
   Ein Mädchen, rosig anzuschau'n,
     Der Schwester - Blumen warten **).
Ich erschrack, daß mir die Gießkanne beynahe aus der Hand fiel. Es war der Prinz L * *! Ich kannt' ihn wohl; als ich vorigen Winter ein Paar Wochen bey meiner Tante in der Stadt war, hatte mir ihn meine Cousine Amalie gezeigt.
   Darf ich hinein kommen, schöne Gärtnerinn, und den Garten besehen?
   Ich knixte. Bis er abgestiegen war und sein Pferd angebunden hatte (er war ohne Begleitung), war mein Entschluß gefaßt, ich wollte nicht thun, als kenne ich ihn; ich wußte nicht recht warum? aber es schien mir besser. Als ich ihm die Thüre aufschloß, sagte er mit einer recht höflichen Verbeugung: ´Verzeihen Sie meine Freyheit; sobald ich Landluft athme, ist mir so leicht und wohl, daß ich mir alles erlaubt halte, was nicht unrecht oder schlecht ist.´ Ich wußte wieder nichts zu sagen — ich war doch ein wenig befangen durch den Prinzen; aber er ging gleich zur Beschauung der Blumen über und zeigte ein so großes Wohlbehagen an meinen Aurikeln, daß mir bald die Zunge gelöst wurde. Nur seine gar freundlichen Augen, die immer die meinen aufsuchten, machten mich zuweilen etwas verlegen und zurückhaltender, als ich sonst war. Denn
   Wie großen Herrn auf du und du
     Scherz' ja bey Leibe nicht!
Das hatt' ich aus Bürger's Gedichten gelernt. Wir Mädchen jener Zeit trugen Klugheit- und Sittenlehre gar seltsam zusammen! Damahls war unsere Erziehung und Bildung noch, dem Zufall überlassen; außer der edeln La Roche früheren Schriften war mir nichts bekannt, was eigends dazu geschrieben wäre. Wir mußten von Früh bis in die Nacht arbeiten, lernten lesen, schreiben, rechnen, und wenn's weit ging, ein wenig Französisch plappern und Clavier klimpern. Aber die gute Mutter Natur hatte uns mit innerer Regsamkeit ausgestattet, die uns antrieb, mit eigenen Kräften das zu erringen, was unsern Töchtern und Enkelinnen schön und sorgsam dargereicht wird.
    *) Phidile, von Claudius.
   **) Robert, Gegenstück zu Phidile, von Bürger. “

 

1822

Weber, Karl Julius. Die Ritterburgen. In: Das Ritter-Wesen und die Templer, Johanniter und Marianer oder Deutsch-Ordens-Ritter insbesondere. Erster Theil. Stuttgart.  Digitalisiert von Google

“[S. 358] Die Phantasie spielte über die Entstehung der Burgen wie der Klöster, und wie mit den daran geknüpften schönen Sagen, die der gemüthliche Historiker gerne auf sich beruhen läßt, wie die Sage von der Burg Weinsberg, W eibertreue genannt. Wegen ihrer Treue, die diese bekannte Sage rühmt, sollen die Weiber noch den Vorrang haben vor den Männern - beym Abendmahle, Bürger hat sie besungen, und zu Weinsberg muß man mehr wissen, ob die Weibertreue da fortgeerbt hat, wie der Adel sich forterbet? und ob des Dichters Aufforderung:
    Kommt mir einmal das Freyen ein,
    so werd´ ich ein´ aus Weinsberg frey´n
von Wirkung gewesen ist? Mir ist nur so viel bekannt, daß des armen Bürgers poetischer Versuch mit einer Schwäbin mehr als prosaisch geendet hat, mit Auszehrung, Scheidung und Tod! “

 

1822

Anonym. Witzfunken und Lichtleiter. Des sechsten Bandes zweiter Cyclus. Leipzig. Digitalisiert von Google

“[S. 175] Ein herumziehender Schauspieler hatte von einem Bekannten einen Frack geborgt, und ihn nicht rückgesendet. Später wollte er auch ein Paar Stiefel haben; aber, er bekam sie nicht. Er hatte sich jedoch die Stelle gemerkt, wo sie standen, und wußte sie, in Abwesenheit des Besitzers, dem Dienstmägdchen abzulocken, mit dem Vorgeben, der Herr habe eingewilligt und ihm den Ort angezeigt, wo sie stünden. Als er sie nun erhalten hatte, händigte er sofort dem Mägdchen einen Zeddel ein, mit dieser, nach Bürgers Leonore, parodirten, Strophe:
 ´Geduld, Geduld, wenn's Herz auch bricht;
  mit deinem Freunde had´re nicht!
  Des Frackes bist du ledig,
  Gott sey den Stiefeln gnädig!´ “

 

1822

Anonym. Aus St. Petersburg. Im September 1822. In: Abend-Zeitung, 18. November. Dresden. Digitalisiert von Google

“[S. 1104] Diese Lotterie nun, in welcher, ungeachtet der weisesten Einrichtungen nach ausländischem Fuße, dennoch immer, genau erwogen, Fortuna nur die Loose zieht, ist es denn, die fast seit einem Jahre einen großen Theil des Publikums der Residenz, der Provinzialstädte und des Landadels beschäftig. In allen Zirkeln der Residenz und auf dem Lande hört man davon sprechen und die sonderbarsten Plane sich gestalten, deren Grundstein aber leider immer das Wörtlein ´wenn´ bildet. Mir fällt hier Bürger´s: ´Der Mann, der das wenn und das aber erdacht, hat sicher aus Heckerling Gold schon gemacht´, immer ein, wenn ich in diesem Zirkel von weiten Reisen [...]. “

 

1822

Anonym. Correspondenz-Nachrichten Leipzig, Anfang März 1822. In: Abend-Zeitung, 5. April. Dresden. Digitalisiert von Google

“[S. 328] Hr. Wurm ist ferner stark in witzigen Einschaltungen. Wir können dieß in der Posse auch nicht mißbilligen, sey es nur vorher überlegt (prämeditirt), oder von der Begeisterung des Augenblickes eingeflistert (extemporirt), wenn der Künstler nur die Sache auf geschickte Weise zu handhaben versteht. So erinnern wir uns eines Späßchens, welches Hr. W. in dem ´Lügner und sein Sohn´ anbrachte. Als nämlich der Sohn die Autorschaft des Hrn. v. Crack bezweifelt und zu ihm sagt, er habe das ihm vorgelesene Lied in Bürgers Gedichten gefunden, antwortet jener ´Das ist möglich! Bürger hat schon öfters Gedichte von mir für die seinigen ausgegeben. Als seine Lenore erschien, hatte ich die meinige schon zwei Jahre vorher um´s Morgenroth fahren lassen.´ Das doppelt Komische dieser Stelle, nämlich die Wichtigthuerei und der Mißverstand des Morgenroths zwang jedes Zwerchfell zum lachenden Beifall.“

 

1823

Horn, Franz. Der Dichter Günther. In: Deutsche Blätter für Poesie, Litteratur, Kunst und Theater.  Digitalisiert von Google

“[S. 59] In der Neigung für das weibliche Geschlecht finden mir ihn bald tyrannisch-heftig, ja wüthend, zuweilen roh, oft aber auch rührend durch die Wahrheit einer flammenden Empfindung. - Zeilen wie folgende:
   In den Feldern will ich irren,
   Und vor Menschen will ich fliehn,
   Mit verlass´nen Tauben girren,
   Mit verscheuchtem Winde ziehn,
   Bis der Gram mein Leben raube,
   Bis die Kräfte sich verschrein,
  Und dann soll ein Grab von Laube
  Milder als dein Herze seyn, -
nähern sich in Gewalt der Sprache und Empfindung den hinreißendsten Gedichten Bürger´s an Molly, aber - o des Jammers in der ungeläuterten Brust! - auf diese herrliche Strophe folgen augenblicklich zwei Zeilen, deren widrige Rohheit nicht einmal näher angedeutet werden darf. “

 

1823

Kritisch-historische Uebersicht des Zustandes der schwedischen Literatur. In: Hermes oder kritisches Jahrbuch der Literatur. Leipzig.  Digitalisiert von Google

“[S. 286] Was den Herrn von Kullberg betrifft, so hat er selbst das wahre und allgemein anerkannte Urtheil über sich ausgesprochen, daß er keinen natürlichen Beruf zur Dichtkunst gehabt, und dieses Urtheil nicht nur durch eine Sammlung seiner versificatorischen Versuche, unter welchen nur einige Uebersetzungen, namentlich die nach den Seegeistern von Amalie von Helwig, die der Leonore von Bürger und des tapfern Alonzo von Lewis, gelungen sind, sondern auch mit dem Bekenntnisse, daß er nur, um sein bürgerliches Glück zu machen, sich der Dichtkunst gewidmet habe, actenmäßig bekräftigt.”

 

1823

Woldemar, Ernst. Zeitung der Ereignisse und Ansichten. In: Der Gesellschafter oder Blätter für Geist und Herz. 119tes Blatt 26.7.  

“[S. 671] Zeitung der Ereignisse und Ansichten.

Berlin. Kann ein Mensch wie ein Buch angesehen werden, warum nicht auch umgekehrt ein Buch wie ein Mensch? Bekanntlich hat sich der berühmte, und wahrlich etwas mehr als berühmte Franklin ungefähr diese Grabschrift gesetzt: ´Hier liegt Benjamin Franklin, ein altes Buch, das nächstens in einer neuen Ausgabe mit verbessernden Zusätzen von dem Autor erscheinen wird,´ — Wie der Mann auf diese originelle Idee gekommen ist, verräth sich leicht, wenn man weiß, daß er in seiner Jugend nichts mehr und nichts weniger gewesen ist, als ein Buchdrucker. In dieser Grabschrift tritt also der Mensch als Buch auf. Unterzeichnetem erscheint aber in Berlin urplötzlich ein Buch als Mensch, und zwar als ein sehr lieber, nämlich als einer von seinen beiden treusten Jugendfreunden. O könnte ich es doch schaffen, daß alle meine Leser und Leserinnen so begierig würden, mich nach ihren Namen zu fragen, als ich selbst den unwiderstehlichsten Trieb empfinde, meine beiden lieben Gefährten aus der allerschönsteu Zeit ihnen zu nennen. Nun mags mit ihrer Begierde seyn, wie es will: ich kann sie jetzt unmöglich ungenannt lassen; es würde mir das Herz abdrücken! Der Eine war der ehrliche Wandsbecker Bote mit seinem Asmus omnia sua secum portans, und der Andere der wahre Sohn der Natur, Gottfried August Bürger mit seinen Gedichten. Nur allzu gern träume ich mich
in die goldenen Tage zurück, wo mir die kindische Glätte von dem Kinn wich und das Wörtchen Liebe mehr als nur ein bloßer Laut für mich wurde. Wenn ich dann zu deklamiren anfange:
  ´Knapp, sattle mir mein Dänen-Roß,
  Daß ich mir Ruh' ereite!
  Es wird mir hier zu eng' im Schloß;
  Ich will und muß in s Weite!´ —
so sehe ich das ganze zauberreiche Panorama meiner Jugend wie lebendig vor mir und ich vergesse alles Unangenehme der Gegenwart über eine wonnevolle Vergangenheit!— Man denke, mit welcher herzlichen Freude ich den alten treuen Gefährten hier in der Nachbarschaft des Thiergartens willkommen geheißen habe! Was veranlaßte aber seine Erscheinung an der Spree? Ja, das ist eben die kleine literarische Neuigkeit, die ich für diesmal meinen ernsthaften Lesern — denn ein Leser muß von Amtswegen immer ernsthaft wenigstens aussehen! — und meinen freundlichen Leserinnen mit zu theilen habe. — Aeltere Freunde der Literatur erinnern sich gewiß noch sehr wohl, daß der sämmtliche geistige Nachlaß Bürger's bei dessen Tode in die Hände Herrn Karl v. Reinhard´s kam, welcher die Ausgabe von der letzten Hand (die Bürger bei seinem Leben schon als fertig angekündigt hatte) auch unverzüglich (bei Dieterich in Göttingen, vier Bande stark, von 1796 - 1798) erscheinen ließ. Hr. Hofrath v. Reinhard lebt aber seit einiger Zeit hier in Berlin, und hat neulich (den 17ten Mai 1823) eine Erklärung drucken lassen, die mein ganzes kleines Räthsel - wenn es anders eins ist — auf der Stelle löset.“

Der vollständige Beitrag in der ONLINE-BIBLIOTHEK

 

1823

Heller, J. L. Hoftheater zu Mannheim. In: Bemerker No. 8. Beilage zum 45sten Blatt des Gesellschafters 

“[S. 39] Donnerstag, den 8 Juli. Lenore. Volkstümliches Trauerspiel mit Gesang in 3 Abtheilungen, nach Bürgers Gedicht, von Holtei. Ein treffliches Spiel hatten Herr Werner als Major, Hr. Bauer als Wilhelm, Hr. Thürnagel als Pastor Bürger, Frau von Busch als Gräfin Aurora, vor Allem zeichneten sich aber Hr. Brandt als Wallheim und Mlle. Reinhardt als Leonore aus. Die Art, in welcher sich Hr. Brandt den Wallheim dachte, mußte mit der Idee des Dichters ganz identisch seyn. In allen einzelnen Theilen seiner Rolle ist er ihr gleich geblieben. Jede einzelne Bewegung, jedes Wort seiner Sprache unterlag der sicheren Berechnung des Ganzen. Mlle. Reinhardt gab das Bild eines leidenden Mädchens und das eines verwirrten in einer Art, welche man von der Kunst nicht erwarten sollte. “

 

1823

Wesely, Eugen. Zenos Prüfungen. In: Eichenblätter. Erster Band. Digitalisiert von Google.

“[S. 274] So stand es um Zenos Herz, als er von der Universität zurück kam, sein ganzes Denken und Träumen war der bekannte Titel des Bürger´schen Gedichtes: "Ueberall Molly und Liebe." Des Nachts, wenn der Knochenmann sein zwölftes Licht ansteckte, stand er oft noch am Fenster, hob den Blick, an dem langen schwarzen Tannengebirge vorbey [...].
[S. 290] Molly träumte sich bald mit ihrem Jüngling auf seinem Rappen; aber nicht so schaurig wie Bürgers Lenore, nicht beym Mondenscheine über Gräber ging der Lauf, sondern bey Sonnenschein über Blumengefilde, an lustigen Dörfchen und spiegelnden Seen vorüber [...].”

 

1823

Glover, Friedrich. Goethe als Mensch und Schriftsteller. Aus dem Englischen bearbeitet und mit Anmerkungen versehen.  Digitalisiert von Google.

“[S. 94] Von den Dramas mögte es vielleicht gelten, nur bestimmt nicht von den Balladen; in Ansehung letzterer gebührt Goethen nur ein untergeordneter Rang, und, wie längst anerkannt ist, kann er sich mit unserm Bürger durchaus nicht messen.”

 

1823

Das gelehrte Hannover oder Lexikon von Schriftstellern und Schriftstellerinnen.

“[S. 299] 1764 bezog er die Universität Halle, um die Theologie nach dem Wunsche des Großvaters zu studiren, wozu er aber keine Neigung hatte. Da er nicht Maaß im frohen Genuß des Lebens hielt, schickte ihn der Großvater 1768 nach Göttingen, wo er sich mit den Rechtswissenschaften beschäftigte. Hier geriet er in das Netz einer Verführerin und der Großvater, der seine Aufführung erfuhr, zog seine Hand von ihm ab. [...] Bürger ist als Dichter unsterblich. Die Natur gab ihm ein reges Gefühl für das Schöne, eine leicht sich entzündende Phantasie und eine Sprache, die das Empfundene kunstlos und Allen verständlich darstellte. Unter den teutschen Balladendichtern gebührt ihm der vorzüglichste Rang.“

Der vollständige Eintrag zu Bürger in der ONLINE-BIBLIOTHEK.

 

1823

Anonym. Gedanken und Einfälle eines Dichtergreises. In: Deutsche Blätter für Poesie, Litteratur, Kunst und Theater. Digitalisiert von Google

“[S. 670] Gönnen wir den Vorzug, groß in sinnlichen Gedichten zu seyn, unsern Nachbaren; lassen Sie uns deutsch bleiben. Einer sinkenden Nation ist es so unendlich wichtig, ihre Sitten und ihre Sprache zu retten. Die deutsche Muse soll keusch seyn, wie es das deutsche Weib war ... Leider! - ich spreche das Leider mit schwerem Herzen aus, - leider darf Bürger nicht mitsprechen, wenn es darauf ankommt, was ein Dichter sich selbst, was er dem Mädchen, dem Jüngling, die ihn lesen werden, - was er dem deutschen Sinne, - was er Gott für das Geschenk der Dichterkraft schuldig ist. Johannes Secundus war einer von Bürgers Vorbildern. Oder findet man das Bürger´sche:
   ´Wie um ihren Stab die Rebe
    Brünstig ihre Ranke strikt´ u.s.w.
 nicht in dem:
  ´ Vicina quantum vitis lascivit in ulmo
   Et tortiles per ilicem` etc. ? “

 

1823

Anonym. Rez. Dichtkunst. Gedichte von Richard Roos. In: Literatur-Blatt, 24. Juni.  Digitalisiert von Google

“[S. 200] Im Vorworte zum zweyten Bändcheu beruft er sich auf das Lit. Bl. 1822, Nr. 97, wo er bey Gelegenheit einer Recension von Theodor Hell's Lyratönen nebst C´auren, Castelli, Kotzebue u.a. unter die Lebedichter gezählt worden ist, d. h. unter diejenigen, welche die Poesie leicht nehmen und handhaben, wie der Lebemann das Leben. Dieser Maaßstab stimmt mit jener Elle überein, und Herr R. ist demselben völlig gewachsen. Aber in einem Schreiben an die Redaktion des Morgenblattes, welches dem Recensir-Exemplar beiliegt, drückt er den Wunsch aus: ´zu vernehmen, ob sein Streben, ein Volksdichter zu seyn — vielleicht wie Bürger, denn höher hab' er sich nie stellen zu dürfen geglaubt — nicht ganz vergebens gewesen.´ Das ist eine ganz andere Elle, nach welcher unser Verf. viel zu kurz mißt. Bürger war ein Dichter des ersten Ranges, mit welchem Herr R. so wenig als Theodor Hell, Castelli u. s. f. sich messen darf. Bürger's Popularität bestand nicht darin, daß er die Poesie handhabte, wie der Lebemann das Leben. Er bequemte sich nach dem Geschmack' einer prosaisch organisirten Menge, die nur ohne Anstrengung des Geistes und des Empfindungsvermögens ergözt seyn will. Er machte sich die schwere Aufgabe, populär zu seyn durch die möglichst allgemeine Wirkung seiner Poesie auf die Nation, und suchte zu dem Ende selbst den höchsten lyrischen Schwung mit logischer Klarheit und technischer Vollendung zu vereinigen. Daran hat unser Verf. nie gedacht, wie es scheint.“

 

1823

Anonym. Rez. Die Ritterburgen und Bergschlösser Deutschlands, von Fried. Gottschalk. In: Literaturblatt, 21. Januar.  Digitalisiert von Google

“[S. 24] Vier und zwanzig Burgen sind darin beschrieben und fast immer von Verfassern, die in der Nähe ihrer Ruinen leben. Hodenurach, das auf der Vignette des Titelblatts abgebildet ist, Weinsperg bey Heilbronn, durch Bürgers: .
   Wer sagt mir doch wo Weinsperg liegt?
allgemein bekannt, die Rudelsburg und Saaleck, zwey Stunden von Naumburg, dürften am meisten anziehen. Urkunden, Volkssagen und Chroniken-Nachrichten sind, wie sie sich finden, gut benuzt. Bürgers Ballade gründet sich, wie hier nachgewiesen ist, auf keine bloße Sage.“

 

1823

Anonym. Rez. Aus Hoffmanns Leben und Nachlaß. 1823. In: Literaturblatt 5. September. Stuttgart und Tübingen. Digitalisiert von Google

“[S. 284] Diese Industrie der niedern Literatur, indem sie diejenigen Kritiker mit Unwillen erfüllt, welche mit Bürger fühlen:
   Es ist ein Ding, das mich verdreußt,
   Wenn Schwindel- oder Schmeichel-Geist
   Gemeines Maaß für Großes preißt -
Diese Industrie, sagen wir, rechtfertiget die oben aufgeworfene Frage. Hoffmann war, als phantastisch-humoristischer Erzähler und Romanschreiber mehr der Lesewelt bekannt, als groß in der wissenschaftlichen und künstlichen Republik. “

 

1823

Anonym. Rez. Schottische Erzählungen von Allan Cunningham. In: Literaturblatt 5. September. Stuttgart und Tübingen. Digitalisiert von Google

“[S. 283] Der nun folgende König von Felsenland ist eine hübsche Rittergeschichte, anziehend durch jene treue Darstellung des alten Hochlandes. Wer die Bürgersche Ballade: Knapp, sattle mir mein Dänenroß! kennt, weiß so ziemlich den Inhalt davon. “

 

1823

Anonym. Nachtstücke aus der Traumbildergallerie. In: Zeitung für die elegante Welt. 13. Juni. Leipzig. Digitalisiert von Google

“[Sp. 900] Nein, so war es nicht gemeint! Wohl gruben sie, doch ach! kein Blumenbeet, kein Ackerfeld, sondern ein enges, tiefes Grab! Und jetzt erst, - so spät, - begann die Musik. Es war derselbe Gesang, welchen in Bürgers Leonore das gräßlichste Gesindel anstimmt, und welchen der Dichter dem ´Unkenruf in Teichen´ vergleicht.
     Ein leerer Sarg hob sich empor, und die Larven grinsten Karolinen winkend an.“

 

1823

Anonym. Rez. Müsterstücke für Declamation, Hg. H. A. Kerndörffer, Leipzig 1822. In: Allgemeine Literatur-Zeitung. Halle. Digitalisiert von Google

“[Sp. 701] Bey der getroffenen Wahl der Uebungsstücke beachtete der Vf. vorzüglich die Nährung und Beförderung des rein sittliclien Gefühls und des zu veredelnden Sinnes für das Wahre, Gute und Schöne, so wie die höhere Geschmacksbildung, indem er hier mehr, als vielleicht in verschiedenen ähnlichen Sammlungen hin und wieder geschah, auf weibliche Zöglinge mit Rücksicht nahm. Rec. kann Hn. K. das Zeugniss geben, dass er, diesen Grundsätzen getreu, nichts aufgenommen hat, wogegen sich von Seiten der Moralität Einwendungen machen liessen, vielmehr nur solche Gedichte, die nach den darin ausgesprochenen Gesinnungen und Empfindungen dem Jugendalter angemessen sind. Ja diese Strenge ist wohl mitunter zu weit getrieben, indem sie den Herausgeber zu Abänderungen verleitet hat, die ihm nicht zustehen, und dem Rec. auch nicht nöthig scheinen. So z. B. verändert er in Bürger´s schönem Gedichte, das Blümchen Wunderhold, die Verse:
  Ach! hättest du nur die gekannt,
  Die einst mein Kleinod war!
  Der Tod entriss sie meiner Hand
  Hart hinterm Traualtar u. s. w.

(S. 57.) folgendermaassen:

  O hättest du nur sie gekannt,
  Zum Engel jetzt verklärt,
  Die mir an treuer Mutterhand
  Der Tugend Glück gewährt u. s. w.

So musste denn auch in der letzten Strophe dieses Gedichtes aus der Holdin eine Mutter werden. — Was ist aber rein, wenn nicht jener schöne Ausdruck der Liebe! - Allein liesse sich auch diese Abänderung noch entschuldigen, so können wir doch andere ganz grundlose willkürliche Veränderungen keineswegs gut heissen. So lesen wir in demselben Gedicht:
  Drum wird es Blümchen Wunderhold
  Mit vollem Recht (st. mit gutem Fug) genennt
     Was kein geheimes Elixier (- ir)
  Dir sonst gewähren kann,
  Das leistet traun - ! - mein Wunderhold (st. mein Blümchen dir)
  Man säh´s ihm gar nicht an (st. Man säh' es ihm nicht an.)
  Wer Wunderhold im Busen trägt (st. hegt) u. s. w.
  Des Stürmers Polterschritt (st. -tritt)
  Mit tiefer Rührung dank ich ihr u. s. w.
  (st. Wohl hundert Mal verdankt´ ich ihr)
  Weil es nun mehr als Perl' und Gold
  Der Anmuth Reiz verleiht u. s. w.
  (st. Weil's mehr als Seide, Perl' und Gold
  Der Schönheit Zier verleiht u. s. w.)

Solche eigenmächtige Veränderungen bleiben, anch wenn Sinn, Versmaass und Reim nicht darunter litten, - wie diess in der That in dem Obigen öfters der Fall ist - immer ein Eingreifen in die Rechte des Dichters, der sein Werk zum Gemeingut macht, damit man sich daran erfreue, nicht willkürlich damit schalte.“

 

1823

Kind, Friedrich. Bruchstücke aus und über: Schön Ella. In: Abendzeitung Nr. 173/174/184/194/239/249/251. Dresden 1823. Digitalisiert von Google

“[S. 734] Allein eine Notiz, die einer unsrer Mitbürger, Herr Dr. Seyfried (Verf. der Findlinge und anderer anmuthigen Dichtungen) vor einigen Jahren beiläufig mittheilte, (Dresdner Merkur 1819, Nr. 40.) brachte meine Zweifel zum Schweigen und ergänzte, was ich bis dahin vermißt hatte.
    Dieser berichtet nämlich in seinen durch Treuherzigkeit und Wahrheit sehr anziehenden Erinnerungen aus der Belagerung Dresdens im Jahr 1760 unter andern, daß ein Kaufmann einem, wegen Diebstahls erschossenen österreichischen Soldaten nachgerufen habe:
    Des Leibes bist du ledig,
    Gott sey der Seele gnädig!
und fügt als Anmerkung hinzu:
   ´Freilich schrieb Bürger seine herrliche Ballade: Lenore fuhr um's Morgenroth usw. lange nach dem Jahre 1760, aber das ihr zum Grunde 
   liegende Mährchen war lange schon vor ihm da, und ich erinnere mich, es öfter als Knabe erzählen gehört zu haben. Immer schloß es sich mit
   obigen Worten: Des Leibes bist du ledig usw., so wie auch die Worte: Der Mond scheint helle, die Todte reiten schnelle - Feins Liebchen,
   fürcht´st du dich auch?*) - Ach, laß die Todten ruhen! - immer vorkommen.´

*)Eine Freundin, die dieß Bruchstück In der Handschrift las, erinnirte sich augenblicklich, von ihrer Mutter, die auch jene Belagerung mit erlebt hatte, nebst diesen Worten, die Antwort darauf gehört zu haben: Warum sollt´ ich mich denn fürchten? Ich habe ja den Herzallerliebsten bei mir! - Die Sage scheint sonach damals sehr verbreitet und, wo nicht ganz gereimt, doch, recht noch Märchenart, mit gewissen, dabei für unentbehrlich gehaltenen Kehr-Reimen und Sprüchlein durchflochten gewesen zu seyn.“

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1823

Reinhard, Karl von. An den Herausgeber. In: Bemerker No.8. Beilage zum 45sten Blatte des Gesellschafters. Digitalisiert von Google

“[S. 217] Im ´Bemerker´ zum 37sten Blatte des ´Gesellschafters´, 1823, bemerkt Hr. Ernst Woldemar, daß die Verse, welche im 23sten Blatte unter Bürger´s Namen erschienen sind, früher schon bekannt und gedruckt waren. In dieser Hinsicht bin ich also gewiß getäuscht, und ich kann Sie nicht genug um Verzeihung bitten, daß ich Sie, wiewohl sehr wider meinen Willen, in meinen Irrthum hinein gezogen habe. - Ob aber jenes kleine Gedicht Bürger´n angehöre, oder nicht, lasse ich vor der Hand dahin gestellt seyn. Ich hoffe indessen, Gewißheit darüber zu erlangen. Daß bei einer Melodie dazu von Haydn der Name Jacobi, und bei einer andern von Mozart der Name Weppen genannt ist, beweiset, schon des Widerspruchs wegen, gar nichts. Ich habe selbst eine ähnliche Erfahrung gemacht. Bei mehreren Melodieen zu einem meiner älteren Lieder: ´Der bescheidene Liebhaber´, ist Bürger als Verfasser desselben angegeben (S. z. B. Musik-Beilage zu Nr. 101 des ´Morgenblattes´ 1808. Romanze: ´Der bescheidene Liebhaber´, von Bürger, mit Begleitung der Guitarre und Flöte. Braunschweig). Und findet sich das Stück denn etwa in den Sammlungen von Jacobi´s und Weppen's Gedichten? - Noch weniger beweisen zwei andere Gründe, welche Hr. Ernst Woldemar für seine Meinung anführt. Erstlich, daß Bürger das Lied ´nicht wenigstens in seine Ausgabe von der letzten Hand aufgenommen habe.´ Eine solche, zwar angekündigte Ausgabe seiner Gedichte hat Bürger überall nicht geliefert, weil ihn der Tod daran hinderte. Zweitens soll ´der Scherz, der in dieser poetischen Kleinigkeit herrscht, mit der burlesken Laune Bürger´s, z. B. in seinem ´Bacchus´ und seinem ´Liede vom braven Manne (?)´nicht übereinstimmen´ Wie? Hat denn Bürger seine Unsterblichkeit durch ein Paar Burlesken gesichert? Oder nicht vielmehr, außer seinen Balladen, durch seine Gesänge im edelsten Tone, durch die zartesten Liebeslieder, welche unsere Sprache auf zu weisen hat?
  Uebrigens habe ich jene Kleinigkeit, die so viel Redens kaum rechtfertigt, in meine neue Ausgabe von Bürger´s Werken nicht aufgenommen. Von dieser Ausgabe, die ich als eine in der That neue und vollendete vorläufig ankündigen kann, bringt die nächste Leipziger Oster-Messe die beiden ersten Bände. Berlin, am 9. März 1823
                          Karl v. Reinhard“

 

1823

Reinhard, Karl von. Literarische Anzeigen. In: Der Gesellschafter, 15. Oktober. Berlin. Digitalisiert von Google

“ [S. 799] Gottfried August Bürger´s sämmtliche Werke. Herausgegeben von Karl v. Reinhard. Vollendete, rechtmäßige Ausgabe. Berlin, bei Ernst Heinrich Georg Christiani, 1823.
   Meine erste Sammlung von Bürger´s Schriften, (4 Bände, Göttingen, 1796- 98) mußte höchst unvollkommen ausfallen, weil mir damals noch zum Theil gerade die neuesten und wichtigsten Handschriften des Verfassers abgingen. Sie ist zudem in den foglenden Auflagen, welche ich nicht selbst besorgte, durch Fehler jeder Art so entstellt, daß ich sie nicht mehr für die meinige erkennen kann.
    Das Publikum hat eine bessere früher vermißt und gewünscht, als ich Anstalten dazu machen konnte. Endlich bin ich im Stande, seine Erwartung zu befriedigen, und ihm eine neue, nicht bloß geordnete, durchaus berichtigte und correcte, sondern in der That vollendete, vollständige Ausgabe von der letzten Hand anzukündigen. Ueber die nun erreichte Vollständigkeit, namentlich in Ansehung der Gedichte, habe ich mich in der Vorrede erklärt, auf welche ich die Leser verweise.
    Die beiden ersten jetzt fertigen Bände enthalten die Sammlung der Gedichte, mit etwa funfzig Stükken gegen die vorigen Ausgaben bereichert. Jedem sind Anmerkungen und eine sorgfältige Lese aller vorhandenen Varianten angehängt. - Fünf andere Bände, Bürger´s übrige Schriften, gedruckte und ungedruckte, umfassend, werden im Laufe dieses Jahres ebenfalls erscheinen, und das Werk beschließen.
    Der Herr Verleger hat es anständig und geschmackvoll ausgestattet, und durch drei verschiedene Auflagen, so wie durch die billigsten Preise, für die Verbreitung desselben unter allen Classen von Lesern und Käufern gesorgt.
   Berlin, 1823 Karl v. Reinhard.

 Die beiden jetzt erschienenen Bände dieses classischen Werkes, die Gedichte enthaltend, kosten in der ersten
Ausgabe auf starkem Schweizer-Velin-Papier im größten Octav-Formate   4 Thlr. 12 Gr.
 In der zweiten, gleichfalls in großem Octav auf schönem Velin-Papier     5 Thlr.
                           Die dritte, gleichfalls auf Velin-Papier, 1 Thlr. 18 Gr.“

 

1824

Bouterwek, Friedrich. Aesthetik. Erster Theil. Göttingen.

“[S. 127] Das Betäubende ist nie schön, so wenig in der Poesie, als in einer Janitscharenmusik Alle convulsivische Heftigkeit ist widrig, auch wenn sie noch so natürlich ist. Was Lessing über die schöne Milderung des natürlichen Ausdrucks in der plastischen Gruppe des Laokoon gesagt hat, ist durch keine Einwendungen späterer Kritiker widerlegt. Widrig ist auch die Natürlichkeit, mit der vor einiger Zeit mehrere deutsche Dichter, unter ihnen der sonst so treffliche Bürger, um der Kraft des Ausdrucks willen, in schreienden Zügen die Poesie entstellten, zum Beispiel in Bürger's Ballade Lenardo und Blandine.

[S. 168] Die älteste Probe, die sich von deutscher Poesie erhalten hat, das Fragment von Hildebrand, daß man sonst für ein Stück von einem Roman ansah, ist balladenartig; und das treffliche Lied der Nibelungen ist ohne Zweifel aus solchen Balladen entstanden. Die alten dänischen Heldenlieder (Kempeviser) gehören in eben diese Reihe. Aber auch bei den slavischen Volkern scheint diese Dichtungsarr eben so beliebt, wie bei den deutschen gewesen zu seyn, wie die neulich bekannt gewordenen alten russischen Heldenlieder und die noch merkwürdigeren serbischen beweisen, die in ihrem Vaterlande noch jetzt gesungen werden. Aus diesen und aus den vorzüglicheren der alten spanischen, englischen, schottischen, und auch aus einigen alten deutschen Gedichten dieser Art muß man lernen, bis zu welcher Kraft und Anmuth die Phantasie ohne alle methodische Cultur es in solchen kleinen Erzählungen bringen kann. Kein Dichter aber hat besser, als Bürger, der Liederdichter, gezeigt, wie die Ballade, nicht sowohl ihre Grenzen im höchsten Grade mahlerisch werden und wahre Popularität mit einer seltenen Cultur des Styls vereinigen kann. Die trefflichen Romanzen von Göthe, und einige von Schiller, neigen sich schon mehr zu andern Arten von erzählenden Gedichten hinüber. “

 

1824

Mohnike, Gottlieb Christian Friedrich. Kirchen- und litterarhistorische Studien und Mittheilungen. Des ersten Bandes erstes Heft.  Digitalisiert von Google.

“[S. 376] Zu dieser Meinung hat vielleicht der Umstand mit Veranlassung gegeben, daß das erste dieser Lieder, wenn man den einen fehlenden Reim ausnimmt, in demselben Rhythmus gedichtet ist, den die bekannte, von Bürger übersetzte Cantilena potatoria hat, welche man gleichfalls dem Walther Mapes zuschreibt.”

 

1824

Anonym. [Rez. M.G. Becker´s Taschenbuch zum geselligen Vergnügen. Herausgegeben von Friedrich Kind. Auf das Jahr 1825] In: Abend-Zeitung auf das Jahr 1824, herausgegeben von Theodor Hell und Friedrich Kind. Dritter Band. Dresden. Digitalisiert von Google

“[S. 310] Die Dichtergaben für das Jahr 1825 müssen uns jedoch doppelt werth seyn, denn sie sind meist unter dem Einflusse der sanften Mondgöttin, die im laufenden Jahre regiert, entstanden. Aber wie viele für das Jahr 1826 wird nicht der kalte Saturn erzeugen, der auf Kind´s Almanachtitel mit rückwärts gewandter Sense den Drachenwagen lenkt! Schon der Anblick dieses herzlosen Alten, der seine eignen Kinder verzehrt, entwaffnet alle Kritik. Aber auch der Sammler und Coronarius bringt den hungrigen Kronos um die Kost manches mißgerathenen Kindleins; außerdem säubert er noch die übrigen Kleinen und putzt sie so heraus, daß der eigene Vater und was mehr sagen will, die eigene Mutter sie kaum wieder erkennen dürfte. Wer das für Lästerung hält, lese hier in Kind´s Taschenbuch S. 389, Bürger´s recht eigentlich in einen Almanach gehörenden Brief an die Frau Baldinger, welche mit ihren schönen Händen mittelmäßige Gedichte in sein Almanacharchiv - Bürger nennt es Düngermagazin - einschwärzen wollte. Welche heroische Mittel wandte nicht Bürger an, ehe die Kleinen für die Cour an Apolls Neujahr-Gallatage hoffähig wurden! Dieses Verdienst hinter den Coulissen, oder in der Wochenstube sieht kein Leser, wenn er hier so manches hübsche Elfenkind an der Hand des Pflegevaters Kind erblickt.“

 

1824

Leidenfrost, Karl Florentin. Historisch-biographisches Handwörterbuch der denkwürdigsten, berühmtesten und berüchtigsten Menschen aller Stände, Zeiten und Nationen. Erster Band. Ilmenau.  Digitalisier von Google

“[S. 584] Bürger (Gottfried August), geb. zu Wolmerswende im Halberstädtischen den 1. Jan. 1748, studirte seit 1764 zu Halle, anfangs Theologie, dann seit 1768 zu Göttingen die Rechte, wurde 1772 Justizbeamter im Gerichte Alten-Gleichen bei Göttingen, legte aber 1784 diese Stelle nieder, ging nach Göttingen und hielt Vorlesungen, ward 1789 außerordentlicher Professor der Philosophie und starb daselbst den 8. Juni 1794. Seine sämmtlichen Schriften erschienen Göttingen 1797, 4 Theile.“

 

1824

Mayer, Philipp. Bürger. In: Theorie und Literatur der deutschen Dichtungsarten. Digitalisiert von Google

“[S. 161] Unter seinen Schriften zeichnen sich seine Gedichte, und unter diesen mehrere Lieder und Balladen höchst vortheilhaft aus. Insbesondere sind seine Romanzen bisher nur von einigen Göthe´s und Schiller's in gewisser Hinsicht übertroffen worden. Seine "Lenore" ist ein Muster einer romantischen Dichtung. Für die Schilderung des Idealen taugte Bürger als Dichter nicht; seine Gebilde sind aus der wirklichen Welt genommen, und in dieser Rücksicht könnte man ihn naiv nennen.”

 

1824

Horn, Franz. Gottfried August Bürger. In: Die Poesie und Beredsamkeit der Deutschen, von Luthers Zeit bis zur Gegenwart.

"[S. 198] Was dabei als Schuld ihm selbst zugerechnet werden dürfe, soll nicht geleugnet werden; aber nie möge Härte richten, und wenn wir einräumen, daß B. selbst und einige seiner Gedichte sich zuweilen sogar ein wenig zur Rohheit neigen, so fordert doch selbst ein bloß gerechtes Gefühl, daß wir jene Rohheit oft nur als einen Tribut ansehen, den er (was freilich abermals Irrthum und Schuld voraussetzt) an die Zeit abtrug, die sich theilweis oft genug uch gegen ihn roh benahm.

[S. 199] Wohl ihm, daß seinen frühen Tod der Gedanke versüßen durfte, daß wenigstens zwei Drittheile seiner Gedichte niemals untergehen werde, sondern ihm bei der gerechten Nachwelt die Unsterblichkeit seines Namens sichern müsse.-
§.5. Ob Bürgern selbst dieser Gedanke beglückte, müssen wir fast bezweifeln, da ihn leider eine nur zu berühmt gewordene Recension seiner Gedichte (A.L.Z. Januar 1791) trotz aller Protestationen von seiner Seite, dennoch in sich selbst hatte irre machen können. Sie ist bekanntlich von Schiller: aber nicht von dem großartig kühnen, der die Räuber schuf und den herrlichen Posa, der, frei gesinnt, einer dumpf engen Inquisitionswelt muthig geistreich gegenüber steht, nicht von dem herrlichen Dichter des Toggenburg und des Tell, sondern von jenem Schiller , der in metaphysischer Uebertreibung, seinen eignen herrlich kühnen Genius für einige Jahre in die Kantische Schule schickte, wo er sich mit der Formenlehre zerarbeiten mußte, und, weil es ihm selbst so schwer geworden war, nun auch andere veranlassen wollte, sich auf ähnliche Weise zu zähmen. Wohl darf es uns seltsam, ja fast komisch erscheinen, daß Bürger durch eine Recension, die in der That nicht viel mehr enthält als einige abgerissenen Gedanken über Objektivität und Idealität der Poesie, sich so tief verletzt fühlen konnte. Leider aber imponierte ihm das metaphysische Gewand, worein sie gekleidet ist, gar sehr, und er konnte in der Geschwindigkeit für seine allzuheftige Antikritik kein gleiches Prunkkleid finden, das in ruhigen Stunden doch so leicht aufzutreiben ist. [...] Wie gut wäre es gewesen, wenn sich Bürger erinnert hätte, was ja so nahe liegt und doch so häufig vergessen wird, daß von einem ächten Dichterkranze, und wenn sich die ganze Welt dagegen verschwören sollte, auch nicht Ein Blättchen geraubt werden könne, und daß der edle Schiller keineswegs eine feindliche Absicht hegte, sondern diesmal nur (gegen sich selbst nicht minder ankämpfend) irrte und in der individuellen Beziehung sich vergriff. Aber freilich die Stacheln des Moments verwundeten Bürgern tief, und er hoffte wohl kaum die Zeit zu erleben, die dem Irrthum ein Ende macht. Er war ja - wir müssen es leider wiederholen - irre an sich selbst geworden: das traurigste Schicksal das einem Dichter begegnen kann.

[S. 201] Die beste Kritik der Bürgerschen Gedichte ist, wie mich dünkt, von dem deutschen Volke selbst gemacht worden, indem es manche derselben sich in das Gemüth tief hineingeschrieben und glücklich auswendig gelernt hat."

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1824

Rese, Johann Karl August. Allgemeine Encyclopädie der Wissenschaften und Künste. Dreizehnter Theil.

“[S.377] Die Gedichte an Molly können kaum als freie Kunsterzeugnisse betrachtet werden; sie sprechen aus, was unbesiegbare Leidenschaft gebot. In dem hohen Liede, seinem Lieblingswerk, hat Bürger an Fülle und blendender Pracht der Sprache das Höchste erreicht, aber wenn auch die Wahrheit seiner Gefühle selbst keinem Zweifel unterliegt, so hat doch der Ausdruck derselben durch diesen blendenden Schmuck an Herzlichkeit verloren.

[S.378] Bürger´s Dichterphantasie war nicht überströmend fruchtbar und schöpferisch, er warf seine Gedichte nicht mit genialischer Leichtigkeit hin, sondern arbeitete gewöhnlich langsam und schwer, zum Theil mit ängstlichem Fleiß.[...]
Indessen suchte er, wie er selbst in der zuletzt angeführten Vorrede sagt, sein Ziel der volksmäßigen Dichtung, durch Klarheit, Bestimtheit, Abrundung, Ordnung und Zusammenklang der Gedanken und Bilder, durch Wahrheit, Natur und Einfalt der Empfindungen, durch die eigenthümlichsten und treffendsten, weniger aus der Schriftsprache, als mitten aus der lebendigsten Mundsprache aufgegriffenen Ausdrücke für dieselben, durch die pünktlichste grammatische Richtigkeit und durch einen ungezwungen leichtklingenden Reim und Versbau zu erreichen. Bei dem Streben nach Natürlichkeit und Popularität des Ausdrucks verfiel er oft genug in das Derbe, Gemeine und selbst Ekelhafte, um Schillers Vorwurf, er stelle sich dem Volk, das er zu sich hinaufziehen sollte, gleich und vermische sich mit demselben, zu rechtfertigen. Indeß hat er im Ganzen sein Ziel wirklich erreicht, er hat bei den weniger gebildeten Ständen, bei der kräftigen männlichen Jugend Eingang gefunden und die untern Klassen des Volks mehr als ein anderer teutscher Dichter ergriffen, wozu seine Derbheiten wesentlich beigetragen haben.[...]
Von dem hohen Standpunkt aus, welchen Schiller behauptete, waren seine Rügen nicht unbegründet, Bürger´s Geist hatte sich nicht zu vollendeter Ruhe, Klarheit und harmonischer Bildung erhoben. Es war aber theils sehr hart, theils ein sehr unglücklicher Zufall, daß Schiller diesen strengsten Maßstab an die Werke eines Dichters legte, der sich ein solches Ideal nie vorgezeichnet hatte, der müde vom Kampf mit dem Schicksale, nicht hoffen durfte, es jetzt noch zu erreichen, der in seiner, wenn auch niedrigern Sphäre, das Mögliche leistete und nichts, als seinen, bisher unangetasteten Lorbeer aus dem Leben gerettet hatte.”

Reses Encyclopädie-Artikel in der ONLINE-Bibliothek.

 

1824

Birken, Siegmuna. Die Weiber von Weinsberg. In: Der Sammler, Wien 20. März.  Digitalisiert von Google

“[S. 139] Die Weiber von Weinsberg *).

Historia von der Weibertreu zu Weinsberg, 1140.
  (Mel. Amarintha, die ich hasse.)

Lasset uns ein Liedlein singen
Von belobter Weibertreu,
Weiberlob in Reime bringen,
Alte Thaten machen neu.
Sie sind würdig zu erzählen;
Es verdienen ein Gedicht
Solche fromme Weiberseelen
Und ein ewigs Ruhmgericht.

Weinsberg, eine Burg in Bayren,
Die einmahl ein Weinberg war,
Heißet uns die That erneuren
Ihrer frommen Weiberschar.
Welf, der Herzog, wild von Sitten,
Wurde von dem Kaiserheer
Hart belagert und bestritten,
That aus Weinsberg Gegenwehr.

Unversöhnlich war entbrennet
Des ergrimmten Kaisers Zorn.
Weinsberg wurde hart berennet;
Welfen war der Tod geschworn.
Er konnt keine Gnad erwerben;
Conrad Weinsberg schleifen wollt.
Ach, da ware nah das Sterben;
Gnade theurer war, als Gold.

Stolze Männer, dürft ihr sagen,
Daß ihr alles könnt allein,
Wie daß ihr nicht weggeschlagen
Von der Burg, benahmt von Wein,
Die gefürchten Feindeshaufen?
Wo blieb damahls euer Trutz?
Daß dem Tod ihr konnt entlaufen,
Wurden Weiber euer Schutz.

Weiber wußten Rath zu finden,
Da den Männern Witz gebrach;
Weiber konnten überwinden,
Da die Männer wurden schwach,
Conrad hat erhört ihr Flehen,
Daß ein Jede sicherlich
Aus der Festung möchte gehen,
Tragen, was sie könnt, mit sich.

Was beginnen da die Weiber ?
Nicht (wer hat's gehöret je?)
Gold und Silber; nein, die Leiber
Ihrer Männer fassen sie
Auf den zarten schwachen Rücken,
Tragen sie zur Burg hinaus.
Väter, Brüder sah man drücken
Ihre Achseln vor dem Haus.
 

Kaiser Conrad war betrogen,
Mußte dennoch dieser Treu
In dem Herzen seyn gewogen:
Dessen Zeug' sein Weinen fey.
Herzog Welfen ward verziehen,
Und der schönen Burg verschont.
Solch ein löblich Liebsbemühen
Billig ward mit Gnad belohnt.

Männer! legt die Feder nieder,
Rühmt nicht mehr, wie ihr gethan,
Den Äneas und zween Brüder,
Die aus Troja und Catan,
Aus dem Brand hinweggetragen
Ihre Ältern, ist es wahr:
Höret hier, was mehr ist, sagen
Von der frommen Weiber Schar.

Euern Ruhm habt ihr zu bauen
Auf drey Männer nur allein:
Dreyßigmahl drey treue Frauen
Dreymahl mehr zu loben seyn.
Denket doch: es trugen Weiber,
Schwach von Rücken, arm an Stärk,
Die so schweren Männerleiber.
O, ein treues Wunderwerk!

Laßt es mir ein Wunder heißen,
Weil es Wunder auch gethan:
Als die Sag' hiervon thät reisen
Zu dem Herzog von Toscan,
Und ihn krank fand auf dem Bette,
Machte sie ihn stracks gesund.
Weibertreu thät an der Stätte,
Was die Arzeney nicht kunnt.

Schweiget nun, ihr Weiberfeinde;
Lobt, was ihr zuvor geschmäht.
Frauen sind die treusten Freunde,
Ihre Lieb' vor alles geht.
Welcher Mann wollt anderst sagen,
Der soll nit so würdig seyn,
Daß ihn eine Frau sollt tragen
Aus Gefahr, Angst oder Pein.

Nicht Werth ist er, (will ich sagen,)
Daß ihn lang in Mutterleib
Und auch lange hat getragen
Auf dem Arm ein treues Weib.
Aber mehr als gute Zeiten
Der verdient und auch bekam.
Der in´s Buch der Ewigkeiten
Trägt den werthen Weibernahm.

*) Die Geschichte von der Treue der Weiber zu Weinsberg, welche Bürger'n den Stoff zu einem seiner schönsten Gesänge gab, ist lange vor ihm zweymahl in Versen behandelt. M. Heinrich Bünting hat sie kurz in Reime gefaßt im zweiten Theile der ´Braunschweigischen Chronica´ (Magdeburg, 1584). — Eine andere Bearbeitung im Balladen-Tone, und nicht ohne poetischen Werth, von Siegmund von Birken (geb. 1626, gest. 1681), befindet sich S. 441 in Johann Höfel's ´Historischem Gesangbuche´ (Schleusingen, 1681). Sie verdient wohl einen wiederhohlten Abdruck, und ich theile sie hier ohne Veränderung mit. Carl v. Reinhard. “

 

1824

de la Motte Fouqué, Friedrich Baron. Die Schlacht bei Fehrbellin. In: Zeitschrift für Kunst, Wissenschaft und Geschichte des Krieges. Zweiter Band. Berlin und Posen. Digitalisiert von Google

“[S. 29] König Friedrich schrieb die Memoiren seines Stammes. Schon diese Benennung zeigt an, daß sein Werk manche früher wenig bekannte Mittheilung enthält. Und ist doch jene strenge und in selbem Athemzuge zugleich liebevolle und zu bewundernde Anrede gewiß recht würdig des großen Kurfürsten, und auch des kühnen Heldenprinzen, dem sie Schmerz und Stolz in die ritterliche Seele sprühete!— Warum wollen wir an den Worten des königlichen Geschichtschreibers überhaupt so ängstlich drehn und deuteln? — In Bezug auf ein Kaiserwort hat uns schon Gottfried August Bürger dergleichen in seinen Weibern von Weinsberg verboten. Ich denke, auf unsern großen König Friedrich darf man dahin bauen, daß er uns in der Geschichte seines großen Aeltervaters kein unverbürgtes oder wohl gar romantisch ersonnenes Kurfürstenwort überliefert habe! “

 

1824

Rieger, J. G. Weinheim. In: Historisch- topographisch- statistische Beschreibung von Mannheim und seiner Umgebung. Mannheim. Digitalisiert von Google

“[S. 476] Rechts liegt Laudenbach, wo der beste Bergstraßer Wein wächst, der gar leicht zu dem Entschluß verleiten kann:
 Ich will einst bei Ja und Nein
 Vor dem Zapfen sterben!
und tiefer hinab erhebt sich bei Heppenheim die malerische Starkenburg, die Burg-Ruine bei Auerbach und der hohe Thurm auf dem Eckstein der Bergstraße, dem Melibokus. “

 

1824

Alexis, Willibald. Ueber Balladenpoesie. In: Hermes. Leipzig. Digitalisiert von Google

“[S. 3] Ref. schrieb die nachfolgende Abhandlung, zu welcher er seit Jahren die Materialien gesammelt und theilweise verarbeitet hatte, noch ehe er August Wilhelm von Schlegels besondern Aufsatz über Bürger gelesen, nieder. Wenn viele Behauptungen in seiner Ausarbeitung mit denen in der überaus scharfen und klaren Kritik Schlegels übereinstimmen, so kann er zwar mit Bestimmtheit sagen, daß er sie nicht aus jenem Aufsatze über Bürger entnommen hat, nicht aber, inwiefern sie durch Vermittelung ihrer Popularität auf ihn übergekommen sind. So viel kann er indeß behaupten, daß er aus eigener Prüfung von ihrer Richtigkeit überzeugt ist, und da in unserer Zeit, um eine poetische Wahrheit populär zu machen, nicht genügt, sie einmal auszusprechen, so glaubt er zur Erweckung der Liebe für das Balladenstudium nur förderlich zu seyn, wenn er auch schon anderwärts Ausgesprochenes - besonders da es von den jüngsten Kritikern fast vergessen zu seyn scheint - hier im neuen Zusammenhange und mit Bezug auf mehrere Erscheinungen, stehen läßt.“

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1825

Bürger, Elise. Ein Brief über Richters Tod, an eine Freundin.  In: Didaskalia, Frankfurt a.M. Digitalisiert von Google

“[4. Dezember] Ihnen, meine Freundin! früher schon über Jean Paul Richters Aufschweben zu schreiben, war mir darum unmöglich, weil ich zu sehr mit ihm beschäftigt war.[...]
Glauben Sie mir, Freundin! ich juble, daß er über uns schwebt, daß er im Lichte f ortglüht, daß er w ar und daß er bleiben wird und Unsterblicher! “

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1825

Anonym. Frankfurter Volksbühne. In: Didaskalia Frankfurt a.M. 4. Dezember. Digitalisiert von Google

“Am 25. November. (Zum Vortheil der Wittwe des verstorbenen Kapellmeister Schmitt.) Vocal- und Instrumentalconcert.
   Mit der neusten Ouvertüre von Beethoven wurde begonnen; seine älteste Ouvertüre wäre uns lieber gewesen. Hierauf trug Madame Elise Bürger folgende Dichtungen vor: Lebenslied von Mathisson; der Gesang der Geister über dem Wasser von Göthe und das Trifolium für die Ewigkeit, von Dr. Schreiber und Elise Bürger. Die tief empfundene und wahrhaft kunstvolle Declamation verdiente und erhielt gerechten Beifall. Es befremdet in der That, daß diese Künstlerin sich Jahre lang ihrem Beruf entzog, in dem sie stets mit so günstigem Erfolg wirkte. Ref. erinnert sich mit Vergnügen ihrer früheren Kunstleistungen, vorzüglich ihrer trefflichen humoristischen Vorträge, und kann bei dieser Gelegenheit nicht umhin den Lesern des herrlichen Jean Paul´s Worte mitzutheilen, die er im Jahre 1815 ins Stammbuch der Künstlerin niederschrieb:
   ´Die Kunst verschönert nicht nur die Gemeinheit des Lebens, sondern sogar die Schönheit des Lebens. So macht es die Perlenmuschel; wirf ein Steinchen in ihre Schaale und es wird eine Perle daraus oder eine kleine Perle und es wird eine größere. Dies — fügte Jean Paul hinzu — setzt ich mir gestern Abend vor in Ihr Stammbuch zu schreiben, als mich Ihr Musterspiel und Musterdichten in der schwäbischen Bäuerin ins halbe Schwaben—nemlich ins ganze weibliche verliebt machte.´ “

 

1825

Matthisson, Friedrich von. Umrisse aus Italien. In: Schriften von Friedrich von Matthisson. Fünfter Band. Zürich. Digitalisiert von Google

“[S. 9] So treibt es, durch den Ertrag der Viehweihe, am St. Antoniustage, eine andre Gemeinde solcher Söhne des Müßigganges und der Trägheit, nach Bürgers Ausdruck, in Hüll´ und in Füll´ und in Freude. 

[S. 27] Einen wichtigen Artikel für die Geschichte der Kosmetik des Alterthums überliefert uns die Perücke auf einer weiblichen Büste. Nimmt man sie ab, so erscheint ein Schädel, nackt und haarlos, wie der ´Schädel ohne Zopf und Schopf´ in Bürgers Lenore. Der gut gearbeitete Marmor gilt für das Porträt der Gemahlin des Kaisers Septimius Severus, Julia Pia. Mehrere Beyspiele von ähnlichen Perückenköpfen in der Büstengallerie des kapitolinischen Museums lassen ebenfalls, wenn es auf das Aeußerste des Wunderlichen und Seltsamen ankommt, nichts zu wünschen übrig.“

 

1825

Merz, G. Ch. Musentempel oder Proben aus allen deutschen Classikern. Erster Band 1825. Digitalisiert von Google.

“[S. 159] Wenn man weiß, daß Bürgers ganzes Leben einen harten Kampf mit allerlei widrigen Schicksalen bildete, daß Drangsale aller Art ihn öfters fast ganz zu Boden drückten, so muß man staunen über das, was er leistete. Wir besitzen von ihm Lieder, Oden, Elegien, Balladen, Erzählungen und Epigramme, worunter viele sind, die ihm unter den ersten Dichtern der Nation einen Platz anweisen. Zwar sagt Schiller, daß er in dem größten Theil der bürgerlichen Gedichte den milden, sich immer gleichen, immer hellen, männlichen Geist vermisse, der eingeweiht in die Mysterien des Schönen, Edlen und Wahren, zu dem Volke bildend herniedersteigt, aber auch in der vertrautesten Gemeinschaft mit demselben nie seine himmlische Abkunft verleugnet; er vermische sich nicht selten mit dem Volke, zu dem er sich nur herablassen sollte, und anstatt es scherzend und spielend zu sich hinaufzuziehen, gefalle es ihm oft, sich ihm gleich zu machen. Dagegen faßt A. W. Schlegel sein Urtheil in folgendem Resultate zusammen: Bürger ist ein Dichter von mehr eigenthümlicher, als umfassender Phantasie, von mehr biederer und treuherziger, als zarter Empfindungsweise; von mehr Gründlichkeit im Ausführen, besonders in der grammatischen Technik, als tiefem Verstand im Entwerfen, mehr in der Romanze und dem leichten Liede, als der höhern lyrischen Gattung einheimisch, in einem Theile seiner Hervorbringungen echter Volksdichter, dessen Kunststyl, wo ihn nicht Maximen und Gewöhnungen hindern, sich ganz zu demselben zu erheben, Klarheit, rege Kraft, Frische und zuweilen Zärtlichkeit seiner Größe hat.”

Es folgen die Gedichte:
An Agathe / Danklied / Bey dem Grabe meines guten Großvaters Jacob Philipp Bauer´s
Das hohe Lied von der Einzigen / Liebeszauber / Lust am Liebchen / Das harte Mädchen /
Auch ein Lied an den lieben Mond / Das Blümchen Wunderhold / ”

 

1825

Mailáth, Johann. Magyarische Gedichte.  Digitalisiert von Google.

“[XLI] Wenn ein Volksdichter genannt wird, so steht kein Magyare an, Michael Csokonai zu nennen, und gewöhnlich folgt der Beisatz, daß er sehr viel Äehnlichkeit mit Bürger hat. Dieß leztere ist nun wohl durchaus falsch, wenn wir nicht etwa die Aehnlichkeit darein setzen, daß Beide sich Worte erlauben, die keinen Sinn haben, und blos des malenden Klanges wegen, angebracht sind. Nicht die leidenschaftliche Glut des deutschen Vorbildes, noch die wilde Kraft desselben, sind in Csokonai zu finden, und jener tiefe philosophische Blick, der im einfachsten Gewand bei dem Dichter der Leonore hervor tritt, wird in Csokonai ganz vermißt. Wohl aber ist er volksthümlicher als Bürger, und graziös, wie ein verzogenes Kind, sind seine Gedichte.”

 

1825

Anonym. Rezension Bürgers Lehrbuch der Aesthetik, Hg. K.v.Reinhard. In: Allgemeiner Anzeiger der Deutschen. Neunundsechzigster Band.  Digitalisiert von Google.

“[S. 1939] Dieß schätzbare Werk enthält die noch gar nicht gedruckten Vorlesungen, welche der sel. Bürger 10 Jahre hindurch auf der Universität zu Göttingen mit ungetheiltem Beifalll gehalten, die er immerfort berichtiget und erweitert, und zuletzt noch fast ganz umgearbeitet hat. Wenn das wahrhaft Gute und Schöne nie veraltet, so kann auch dieses Werk in der Zeit seit Bürger´s Tode nichts von seinem Werthe verloren haben; jedenfalls darf es als eine der interessantesten Erscheinungen in der neueren Literatur empfohlen werden, da es das erste und einzige Buch ist, in welchem ein anerkannt großer Dichter seine Kunst in ihrem ganzen Umfange theoretisch und systematisch behandelt hat.”

 

1825

Feder, Johann Georg Heinrich. Achtes Kapitel. Aufenthalt der Königlichen Prinzen in Göttingen, und meine Theilnahme am Unterrichte derselben. Meine Villa, Lustreisen und andere Vergnügungen. In: J.G.H. Feder´s Leben, Natur und Grundsätze. Digitalisiert von Google.

“[S. 114] Zur Zeit der Anwesenheit der Königlichen Prinzen hielt ich mir einige Jahre lang ein eigenes Pferd; hauptsächlich um meinem Freunde Meyenberg desto öfter Gesellschaft leisten zu können. Ich kaufte es vom Dichter Bürger, der sich's zugezogen hatte, nun aber vermuthlich aus Oeconomie verkaufte. Dieser berühmte Mann gehörte als Student zu denen, die mich des Abends bisweilen vertraulich besuchten. In der Folge wurden wir uns fremder. Doch einen vergnügten Tag brachte ich bey ihm in Wölmershausen zu, in Gesellschaft von Meiners und Boje. So heiter, als er das Mahl war, habe ich ihn nie wieder gesehen. Ich erinnere mich von daher der, ich weiß nicht ob sonst schon bekannten Anecdote, daß er bey der Dichtung seiner Leonore den Kopf so voll von Gespenstern gehabt, daß er einmal beym Schlafengehen sich unter das Bett verkroch, um nicht Erscheinungen zu sehen. Er sagte dieß zwar mit lachender Miene; doch so, daß wir es nicht ganz für Scherz halten konnten.”

 

1825

Falk, Johannes. Vorwort. In: Volkslieder, gesammelt von J.G.v. Herder. Neue Ausgabe Erster Theil.  Digitalisiert von Google.

“[S. 4] "Die Grazien," sagte Wieland in einer Unterredung mit dem Verfasser dieser Zeilen, hatten von jeher einen so engen Kreis um mich gezogen, daß ich nicht heraus konnte. Viele kecke Worte, z.B. kurrig und dergleichen, welcher sich späterhin Goethe und Bürger mit Erfolg bedienten, sind wohl auch in meinem Kopf und in meiner Feder gewesen: aber ich hätte um alles in der Welt sie nicht wollen herausfallen lassen. Ich war zu verschämt dazu. Wie heute noch, erinnere ich mich," fuhr der höchst liebenswürdige Altvater im Erzählen fort, "als die Leonore von Bürger erschien und ich mehrmals darüber von Damen befragt wurde: ob ich denn das wundervolle Gericht von "Graut Liebchen?" noch nicht gelesen hätte? daß ich mich ordentlich mit einer Art von Ekel und Widerwillen davon abwandte, weil ich "Krautliebchen" verstand, und irgend wieder eine neue Naivetät, im beliebten Bänkelsängerstyl, wie er eben damals gange und gebe wurde, erwartete." Ich führe diesen Zug blos deßhalb an, weil er dem schneidenden, grellen Gegensatz des damals herrschenden, bis zur Ungebühr verfeinerten französischen Geschmakkes mit dem oft etwas plumpen und derben Einbruch, den Natur, Kunst und Genie ihrerseits, auf so verschiedenen Wegen, in dieser Periode versuchten, einigermaßen zur Bezeichnung dienen kann.”

 

1825

Crayon, Gottfried. Die Geisterbraut. In: Gottfried Crayon´s Skizzenbuch. Erster Band 1825. Digitalisiert von Google.

“[S. 302] Alles dieß konnte der Aufmerksamkeit der Gesellschaft nicht entgehen. Die Fröhlichkeit ward durch die unerklärliche Düsterkeit des Bräutigams erstickt; diese steckte an; man flüsterte mit einander und warf sich Blicke zu, die von Achselzucken und zweifelhaftem Kopfschütteln begleitet waren. Gesang und Lachen erstürben nach und nach, es entstanden gewaltige Pausen in der Unterhaltung, und diesen folgten endlich phantastische Erzählungen und Legenden von übernatürlichen Dingen. Eine traurig Geschichte drängte die andere, und der Baron brachte die Damen beinahe zu Krämpfen durch die Geschichte von dem gespenstischen Reiter, der die schöne Leonore entführte; eine schreckliche, aber wahre Geschichte, welche seitdem in vortreffliche Verse gebracht worden ist, und an die alle Welt glaubt.

[S. 305] "Nein! nein!" erwiederte der Fremde, mit zehnfacher Feierlichkeit: "ich kann keine Braut führen! die Würmer, die Würmer erwarten mich! ich bin todt - Räuber haben mich erschlagen - mein Körper liegt in Würzburg - um Mitternacht soll ich zur Erde bestattet werden - das Grab erwartet mich - ich muß mich pünktlich einstellen!"   Mit diesen Worten schwang er sich auf sein schwarzes Streitroß, sprengte über die Zugbrücke, und das Geklapper der Hufe verscholl im Pfeifen des Abendwindes.”

 

1825

Pölitz, Karl Heinrich Ludwig. Die Romanze und Ballade. In: Das Gesammthebiet der teutschen Sprache, nach Prosa, Dichtkunst und Beredsamkeit. Dritter Band. Leipzig. Digitalisiert von Google

“[S. 297] Wie in der lyrischen Form der Dichtkunst die Elegie zur Ode und Hymne sich verhält; so ungefähr verhält sich in der epischen Form der Dichtkunst die Romanze und Ballade zum eigentlichen Epos. Denn wie im Epos die Freiheit des im Mittelpuncte der Darstellung stehenden Helden zu dem ihn bestürmenden widrigen Schicksale sich ankündigt; so in der Romanze und Ballade die Thätigkeit und Kraftäußerung des aufgestellten Individuums in Beziehung auf die widrigen Schicksale, die auf dasselbe eindringen. Wie im Epos der Held entweder siegt, oder der Macht des Schicksals unterliegt; so wird er auch in der Romanze und Ballade entweder sein Ziel erreichen, oder dasselbe verfehlen. Wie endlich im Epos die gemischten Gefühle der Lust und Unlust gegen einander anwogen und um das Übergewicht im Bewußtseyn des Anschauenden streiten, bis, am Schlusse der Form, bei der Wahrnehmung der ästhetischen Entwickelung, Auflösung und Entscheidung des Ganzen, und bei dem vor die Seele tretenden vollendeten Bilde von der Einheit der dichterischen Form, das Gefühl der Lust den Sieg über das Gefühl der Unlust feiert; so muß auch, am Schlusse der Romanze und Ballade, das Wohlgefallen an der Entwickelung der dargestellten Handlung und an der vollendeten dichterischen Form, den Sieg des Gefühls der Lust über das Gefühl der Unlust vermitteln.
   Die Romanze und Ballade gehört, dem Stoffe nach, zur epischen Dichtkunst; denn er schildert zunächst Individuen, nach ihren Handlungen und Schicksalen. Oft ist es nur Ein Individuum, dessen Begebenheiten und Handlungsweise der Dichter vergegenwärtigt; oft aber wird eine Mehrzahl von Individuen in der Darstellung der Romanze geschildert, unter welchen jedesmal Ein Individuum als Hauptperson sich ankündigt. Doch nach der Form und dem Tone, der in der Romanze und Ballade vorherrscht, ist sie unter allen einzelnen Formen der epischen Dichtkunst der lyrischen am nächsten verwandt, weil nicht nur, wie in den übrigen epischen Formen, tiefe Gefühle durch die Darstellung menschlicher Handlungen
und menschlicher Schicksale aufgeregt werden, sondern in den meisten Fällen die innigsten Gefühle des menschlichen Herzens, die Gefühle der Liebe, der Zärtlichkeit, der Freundschaft und der Theilnahme, den in der Romanze und Ballade versinnlichten Handlungen und Begebenheiten zum Grunde lagen. Der Stoff der Romanze und Ballade, er sey nun entweder aus der wirklichen Geschichte entlehnt und nur von dem Dichter für seinen ästhetischen Zweck gestaltet, oder er sey ein reines Erzeugniß seiner schöpferischen Einbildungskraft, kann bald der Mythologie, bald dem heroischen Zeitalter der Völker, bald den religiösen Vorstellungen und Ansichten, bald dem Klosterleben, bald auch den Vorgängen des gewöhnlichen Lebens angehören; nur muß ein höheres Gefühl als Grundton des Ganzen sich ankündigen, und die ästhetische Vollendung der Form auf der Haltung, Durchführung und Steigerung dieses Gefühls beruhen. Denn selbst bis zur Stärke der Leidenschaft kann dieses Gefühl von dem Dichter erhoben werden, je mächtiger entweder dieses Gefühl ursprünglich erscheint, oder je größer der Kampf ist, den die einwohnende Kraft des handelnden Individuums mit den Schwierigkeiten und Hindernissen eines widrigen Geschicks bestehen muß. Die Maschinerieen, die, wie in der Epopöe, in mehrern Romanzen und Balladen vorkommen, gehören nicht zu ihrem eigentlichen Wesen; denn es sind viele, der Form nach vollendete, Romanzen vorhanden, die der Maschinerie ermangeln (z. B. Schillers Bürgschaft; Seume's Opfer u. a). Wo sie aber aufgenommen wird (z.B. in Bürgers Leonore u. a.), muß sie als ästhetisch-nothwendig erscheinen, und zur Schürzung und Entwickelung des Knotens der Hauptbegebenheit gehören. Die Kürze oder Länge der Form der Romanze und Ballade wird durch die gleichmäßige — weder abgebrochene, noch gedehnte — Haltung aller einzelnen Theile des ästhetischen Ganzen bedingt; so wie die Schlußentwickelung der Handlung oder der Schicksale des Individuums erfreulich (z. B. in Schillers Bürgschaft) oder traurig (z. B. in des Pfarrers Tochter von Taubenhain von Bürger) seyn kann, ohne daß dadurch die Forderungen des Gesetzes der Form an die ästhetische Vollendung der
Romanze und Ballade verändert werden.
     Ohne hinreichenden Grund bestimmten einige Theoretiker die Bezeichnung Romanze für die frohe und heitere Einkleidung und Durchführung, das Wort Ballade aber für die traurige und erschütternde Darstellung dieser epischen Kunstformen. Denn die Benennung Romanze stammt aus der verderbten lateinischen (romanischen) Sprache, in welcher man seit dem zehnten Jahrhunderte dichterische Schilderungen von kriegerischen und verliebten Abenteuern niederschrieb; und Ballade bezeichnete ursprünglich ein Lied, das man zur musikalischen Begleitung, ja selbst zum Tanze, sang. In theoretischer Hinsicht kann zwischen beiden Benennungen kein wesentlicher Unterschied ausgemittelt und durchgeführt werden; auch haben die classischen Dichter nie ausschließend an die eine oder die andere Bezeichnung sich gebunden. — Auf gleiche Weise verhält es sich mit der von einigen Theoretikern aufgestellte Forderung, daß der Ton der Romanze dem Volksliede sich nähern müsse. Zugestanden, daß dies bei einzelnen gediegenen Romanzen und Balladen — namentlich bei den Bürgerschen, Stolbergischen und Langbeinischen — wirklich der Fall ist; so liegen doch auch andere treffliche Gedichte aus dieser Gattung (besonders die von Schiller, Göthe, Seume, Schlegel, Tiedge, Kosegarten u. a.) nicht geradezu in dem Gesichtskreise der Kenntnisse, Meinungen und Ansichten des Volkes, sondern verlangen, um verstanden und ganz gefühlt zu werden, einen höhern Grad von geistiger und ästhetischer Bildung, als man gewöhnlich in der Mitte des Volkes antrifft.“

 

1825

Anonym. Rez. Bürgers Lehrbuch der Aesthetik. In: Allgemeine Literatur-Zeitung, December. Halle. Digitalisiert von Google

“[Sp. 737] [...]; so möchte man glauben, dass der Herausgeber absichtlich den Ablauf der Verjährungsfrist abgewartet habe, um mit diesem Bürger´schen Manuscripte hervorzutreten. Wie dem auch seyn mag; das Uebel, welches aus dieser Verzögerung hervorgegangen, leidet keinen Zweifel: Bürger's fleissig gearbeitetes, und die Spuren seines hellen Geistes, seines tiefen und richtigen Gefühls an sich tragendes Collegien-Lese-Heft kommt auf die Tafel der Literatur als moutarde aprés diné. Wir wollen zwar nicht behaupten, dass die Aesthetik, als Wissenschaft, ihrem Ziele reiner Wissenschaftlichkeit in den verflossenen 31 Jahren sich bedeutend genähert, geschweige denn dasselbe erreicht habe. Wir sind im Gegentheil geneigt, mit Kant die Möglichkeit zu leugnen, dass die kritische Beurtheilung des Schönen unter Vernunftprincipien gebracht, und die Regeln derselben zum Range einer Wissenschaft erhoben werden können. Aber wenn sie nicht zu diesem problematischen Ziele vorgerückt, ist so ist sie doch fortgerückt, und wir fürchten, dass man wenig geneigt seyn werde, sie nach einem Lehrbuche zu studieren, welches gegen das Ende des vorigen Jahrhunderts geschrieben worden ist. “

Der vollständige Beitrag in der ONLINE-BIBLIOTHEK

 

1825

Horn, Franz. Rez. Bürgers Lehrbuch der Aesthetik. In: Wegweiser der Künste und Wissenschaften. 5. Julius. Dresden. Digitalisiert von Google

“ [S. 213] Welche Erinnerungen weckt nicht Bürger's theurer Name! - Er war ein Dichter, dem die Natur eine tiefe Empfänglichkeit des Gemüths verliehen, stets rege für alles Gute, Wahre und Schöne, eine Brust und Stimme, die sich in den volltönendsten Akkorden und nicht selten, wie mit zauberischer Gewalt, auszusprechen vermochte, ein Dichter, der seinen Namen nicht schrieb auf eine flüchtige Welle der Zeit, sondern eingrub in eine feste Säule, deren Dauer schon jetzt ein halbes Jahrhundert wenigstens ahnen läßt, ein Dichter, von dem man sogar sagen darf, daß er, in Hinsicht mancher seiner Produktionen, gar nicht mehr der Lettern bedarf, weil diese Gesänge bereits im Herzen von vielen tausend Lesern wohnen und von Mund zu Mund gehen.“

Der vollständige Beitrag in der ONLINE-BIBLIOTHEK

 

1825

Anonym. Rez. Theorie und Literatur der deutschen Dichtungsarten. Philipp Mayer. In: Allgemeine Literatur-Zeitung, November. Halle. Digitalisiert von Google

“ [Sp. 572] Aus allen diesen Belegen rechtfertigt sich das Urtheil, dass diese Compilation unter die Bücher gehört, die - wie der Vf. S. 198. Bd. I. von Clauren's Erzeugnissen sagt - ´vergehen werden mit den Menschen und den Anlässen, die sie hervorbrachten.´ Die Wissenschaft gewinnt bey solchen Producten nichts, und wenn sie länger leben, als von einer Messe zur andern, so verdanken sie es lediglich ihrer Verwandtschaft mit der, von Voltaire sogenannten, niederen Literatur, d. h. der Berührung von persönlichen Interessen lebender Schriftsteller. Wie sorgfältig hat das Bürger in seinem Lehrbuche der Aesthetik vermieden, und Engel in seiner Theorie der Dichtungsarten, die nach S. 155. Bd. I. zu urtheilen, nicht unter die Hülfsquellen zu gehören scheint, die unserem Vf. bekannt waren. “

 

1825

Weisflog, C. Das große Loos. In: Abend-Zeitung. 1. August. Dresden. Digitalisiert von Google

“[S. 726] August, der zehnjährige Superintendent, der von allen Bänken herab, aus allen leeren Tonnen predigte und der Mutter schon manche schwarze Schürze zerrissen als Reverende? - Freilich, Frau Martha, Heva's Töchterlein, wie alle ihres Geschlechtes, konnte dann und wann die liebe Urmutter nicht verläugnen, und
     daß Mäulchen sammt dem Zünglein flink
     saß ihr am rechten Flecken,
     sie schimpfte, wie ein Rohrsperling,
     wenn man sie wollte necken,
aber auch nur dann. Sonst war sie still, freundlich und gutmüthig und keinesweges versunken ´im Lustpfuhl dieser Erde´ wie weiland Frau Schnips in dem Bürger´schen Gedichte.“

 

1825

Müllner, Adolf. Rez. Schön Ella von Friedrich Kind. In: Allgemeime Literatur-Zeitung, April. Halle. Digitalisiert von Google

“[S. 702] Wir sollten meinen, auf diesem Wege konnte so weit die Opermaschinerie die stillen Anschauungen der Phantasie zu ersetzen vermag, eine dramatische Lenore so ziemlich der Bürger´schen Ballade analog wirken, und für des deutschen Volkes musiklustige Ohren, wie für sein Schauen und Grauen, wäre hinreichend gesorgt, ohne der Fabel ihre erhabene Einfachheit zu rauben. Inzwischen sind wir weit entfernt, unserem Dichter ein Vergehen daraus zu machen, dass er einen anderen Weg eingeschlagen hat, um dem Volke mit der tragischen Kunst beyzukommen. Nur fürchten wir, es habe sich bereits gefunden, dass er nicht zum Ziele führe, weil wir in den Volks-Blättern noch nichts von der Theater-Wirkung des Stückes gelesen haben.“

 

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16022012-109

 

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